Von Rainer Schauer

Ganz spät, als nur noch die langen Nachtschatten durch die Gassen wanderten und das Wasser der Wiesent lauter zu raunen schien als am Tage, da sangen die Fliegenfischer aus Düsseldorf und Paderborn vom Polenmädchen, das nicht küssen wollte, und von der schwarzbraunen Haselnuß. Und der Postwirt sang mit und der Omnibusunternehmer aus Berlin. In der Zirbelholzstube der Gastwirtschaft brannten Buchenscheite im Kamin, und wenn sie zusammenprasselten, stob ein Funkenregen den Rauchfang hinauf. Es war ein sehr deutscher Abend, dieser Abend in Waischenfeld, gemütlich, heimelig, frankenweinselig und manchmal erinnerungsträchtig. Die Fischer freuten sich auf eine gute Strecke an diesem Wochenende, denn die Wiesent beim Städtchen Waischenfeld gilt als eines der besten Forellengewässer der Bundesrepublik, in dem sogar die schmutzempfindlichen Aschen in großer Zahl schwimmen.

Noch ist dieses Stück Fränkische Schweiz eine heile deutsche Ferienwelt. Zwischen steil aufragenden Kalksteinfelsen und sattgrünen Wiesen darf sich die Wiesent ungebändigt einen Weg suchen. Erlen stehen am Fluß und Burgruinen auf den Felsen. Fränkische Fachwerkhäuser drängeln sich in engen Flußtälern, in denen Mühlen Gastwirtschaften sind und in die im Sommer die Touristen zuhauf einfallen. Das tun sie auch in Waischenfeld, einem 2900-Seelen-Städtchen, das sich ins Tal der Wiesent zwängt. Gerade hat es eine Stadtsanierung ausgeschrieben, um die Betonbausünden der letzten Jahre zu tilgen: weg von Eternit-Hausfassaden, hin zum Holzbalken im weißen Gemäuer, zurück zur Vergangenheit.

Die Zukunft aber steht landschaftsfressend vor den Toren des staatlich anerkannten Luftkurorts. Im Stadtteil "Mönchsgrund" soll auf einer Fläche von rund 200 000 Quadratmetern der "Ferienpark Frankenland" errichtet werden, der sein Vorbild in den holländischen Center-Parks hat. Diese autarken und autonomen Ferienlandschaften sind, so sagen die Freizeitforscher, die Urlaubsstätten von morgen, in denen die Sonne nicht untergeht, in denen Wasser als "Urelement" permanenten Badespaß verspricht und in denen Palmen den Süden suggerieren. Der Himmel, das sind Kuppel- und Flachdächer über den Freizeitanlagen, die ganzjährigen Urlaub garantieren, ob es nun regnet, schneit oder stürmt. Solch ein Projekt, das der Natur trotzen kann, wird im "Mönchsgrund" entstehen, einmalig bis jetzt in der Bundesrepublik, einmalig auch in den Dimensionen und Kosten; ein Paradies vom Reißbrett.

Wo einmal 425 Häuser im fränkischen Fachwerkstil und als Herzstück die "Badefreizeit" stehen sollen, breitet sich jetzt noch eine unzerstörte, wenn auch brachliegende Kulturlandschaft aus: Schlehdornhecken teilen die Wiesen in Gevierte, Kiefern- und Fichtenwälder umrahmen das zukünftige Baugelände, in dem Birkengruppen stehen und Buchenhaine. Baum und Busch werden bleiben, nichts wird gerodet, wenn im Sommer 1987 die Bulldozer anrücken. Die Häuser und die Freizeitanlagen sollen – sorgfältig angepaßt – in die bestehende Landschaft hineingesetzt werden.

Das künstliche Dorf in natürlicher Kulisse wird auf einen Schlag die Bettenzahl auf über 2400 hochtreiben. Denn neben den 910 Betten in Waischenfelds Pensionen, Gasthöfen und Familienbetrieben können dann zusätzlich 1500 nagelneue in fünf verschiedenen Ferienhaustypen vermietet werden. An Familienurlauber vornehmlich, die, so hofft man, ganzjährig nach Waischenfeld strömen werden. 55 000 Übernachtungen sind fürs erste Betriebsjahr eingeplant.

Wird die Rechnung aufgehen? Nach den vorläufigen Zahlen, die von den Bauherren nur für den "internen Gebrauch" freigegeben sind, besteht daran kein Zweifel. Zweifel darf es auch nicht geben, denn der "Ferienpark Frankenland" ist auf die "Erzielung einer optimalen Kapitalrendite" angelegt. Das bedeutet: In Waischenfeld wird Tourismus industriell angegangen, mit Steuervorteilen und Verlustzuweisungen, mit verzwickten Gesellschafts- und Steuerkonzepten. Hier wird kühl demonstriert: Urlaub ist eine Ware – hohe Auslastungen, hohe Rendite.