Von Bernhard Blohm

Hart im Räume stießen sich die Standpunkte auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Venedig nur einmal: Ein Marinetaucher rammte im trüben Wasser der Lagune einen Pfahl und mußte etwas benommen seine Suche nach Unbotmäßigem rund um die Tagungsinsel San Giorgio unterbrechen.

Sonst aber lief das Treffen der Regierungschefs aus den sieben größten westlichen Industrieländern nach Plan. Hochrangige Beamte, die irgendwann einmal den Namen „Sherpa“ – so heißen eigentlich die tibetanischen Bergführer – bekamen, hatten das Treffen praktisch bis zur Schlußerklärung vorbereitet. Tausende Polizisten und Soldaten sorgten zu Lande, zu Wasser und in der Luft für die Sicherheit der illustren Gäste. Allein auf der nur knapp hunderttausend Quadratmeter kleinen Tagungsinsel wachten mehr als dreihundert Carabinieri über Recht und Ordnung; im Schnitt mußte jeder Schutzmann also nur ein Fleckchen Erde von der Größe eines Schrebergartens im Auge behalten. Was sollte da noch schiefgehen?

Ob damit aber auch der Erfolg des Treffens garantiert war? Sind die Regierungschefs und ihre mitgereisten Minister auf dem dreizehnten Wirtschaftsgipfel seit 1975 im französischen Rambouillet vorangekommen? Haben sie Lösungen gefunden, wie denn die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen zwischen den Vereinigten Staaten, Japan und der Bundesrepublik beseitigt, wie denn der Welthandel vor Protektionismus geschützt und wie Auswege aus der Schuldenkrise der Dritten Welt gefunden werden können?

Die Erwartungen, so hatte es schon vor der Konferenz geheißen, dürften nicht zu hoch gesteckt werden. Schließlich stünden in den meisten Gipfelstaaten über kurz oder lang Wahlen vor der Tür, was eine intensive Behandlung der wirtschaftspolitischen Reizthemen gewiß nicht fördere. Aber nicht nur die anstehenden Wahlen in Großbritannien und Italien, sondern auch eine unerwartete Inflation der Themen nährte die Befürchtung, daß konkrete wirtschaftspolitische Ergebnisse zur Mangelware werden könnten.

Mehr noch als beim zwölften Gipfeltreffen im vorigen Jahr in Tokio versuchten vor allem die Amerikaner die Politik und nicht die Ökonomie in den Vordergrund zu stellen. Die Tagung hatte offiziell noch gar nicht begonnen, da stellte der neue Stabschef im Weißen Haus, Howard Baker, schon fest, „daß wirtschaftliche Themen die Konferenz nicht dominieren werden“. Und ein irritierter amerikanischer Journalist fragte seinen Finanzminister James Baker, ob das denn noch ein Wirtschaftsgipfel sei, da doch die Staats- und Regierungschefs über Aids, Abrüstung, Terrorismus, Drogen und die Lage am Persischen Golf reden wollten? Bakers Antwort: Es habe sich in den zurückliegenden Jahren halt so ergeben, daß auf den Konferenzen politische Fragen und ökonomische Fragen gleichermaßen behandelt würden. Das war sogar dem zurückhaltenden Gerhard Stoltenberg zuviel: „Auf den Gipfelkonferenzen muß die Wirtschaft Hauptthema bleiben.“

Das sagte der Bundesfinanzminister nicht ohne Hintersinn. Er war wohl selbst überrascht, wie günstig die Konferenz für die deutsche Delegation ablief. Die leise Ahnung, daß Helmut Kohl und seine Minister wegen der verdüsterten deutschen Konjunkturaussicht in Venedig auf der Anklagebank Platz nehmen müßten, hat sich als falsch erwiesen.