Kulturminister François Léotard kann den Premierminister wohl ärgern, aber nicht herausfordern

Von Roger de Weck

Paris, im Juni

Ältere Franzosen haben die zwölf Jahre währende Zeit der IV. Republik, von 1946 bis 1958, in schlechter Erinnerung. Damals kamen und gingen die Ministerpräsidenten, deren Regierungen sich im Durchschnitt wenig mehr als sieben Monate hielten. Die französische Politik war so heruntergekommen, daß Charles de Gaulle als Retter in der Not ein leichtes Spiel hatte, dem in Verruf geratenen „Regime der Parteien“ ein Ende zu setzen. Drei Jahrzehnte danach wagt zum ersten Mal wieder ein führender Politiker, sich offen zu den Vorzügen der Parteienherrschaft zu bekennen. Dem jungen Kulturminister und liberalkonservativen Parteiführer François Léotard ist es zu „verdanken“, daß Frankreich in der vorigen Woche eine jener operettenhaften Regierungskrisen erlebte, wie sie unter der IV. Republik zum politischen Alltag gehörten.

Léotard sitzt der Republikanischen Partei vor. Er hat die vor genau zehn Jahren von Valéry Giscard d’Estaing ins Leben gerufene Partei zu erneuern gewußt und zu seinem höchstpersönlichen Machtinstrument umgeschmiedet. Da unter der V. Republik eine politische Gruppierung nichts gilt, solange sie keinen aussichtsreichen Präsidentschaftsanwärter hervorbringt, ist es notwendig, daß die Partei ihrem Chef bedingungslos zu Diensten steht – und nicht umgekehrt.

Kleinliche Parteikrämereien

Der beliebte Nachwuchspolitiker François Leotard hegt die Hoffnung, vielleicht schon im Frühjahr 1988 oder doch bei der nächstfolgenden Präsidentenwahl zum Hausherrn des Elysée-Palasts zu avancieren. Léotards Vorgesetzter, der gaullistische Regierungs- und Parteichef Jacques Chirac, strebt dasselbe Ziel an; und darin liegt die Rivalität zwischen dem 55jährigen Premierminister Chirac und seinem zehn Jahre jüngeren Kulturminister Léotard begründet.