Von Gerhard Spörl

Kreuz und quer durch Belfast fahren rot-weiße Busse. Sie passieren die schweren Eisengitter, die mitten im wieder blühenden Geschäftsviertel aufgepflanzt worden sind; nie weiß man genau, ob da Militär oder Polizei schwer bewaffnet wacht. Die Busse fahren hinüber in den abgeriegelten Westteil der Stadt, die Falls Road hinauf zu den katholischen Arbeitern und vorbei an den grandiosen Friedhöfen, den schiefen Wellblechwällen und den notdürftig zusammengehauenen Bretterwänden zu den protestantischen Arbeitern in die Shankill Road. Unter den Busfahrern finden sich (so heißt es) Katholiken wie Protestanten. Die Buslinien sind die letzte Gesamt-Belfaster Institution. In dieser in Not, Terror und Krieg erstarrten Welt bedeuten sie etwas. „Fahren die Busse, können die Kinder draußen spielen“, lautet eine verläßliche Regel. Fahren die Busse nicht, ist die Hölle los auf Belfasts Straßen.

Von dem Mann, der den Busbetrieb unbeirrt organisiert und aufrechterhält, ist Kunde bis nach London gedrungen. Ein Deutscher sei das wohl, hatte ich gehört, und (das klang wie eine Steigerung) ein Kauz, zu dem nicht vorzudringen sei.

Anruf in der „City Bus Ltd.“ – hinhaltende Vertröstung. Der hilfreiche, erfahrene Korrespondent des Independent wußte weiter. Er rief einen Mittler an, der eine Kontaktperson anrief, die jemanden anrief, der endlich zum Oberbusfahrer von Belfast vordrang.

Der ideelle Gesamtbelfaster ist in Wirklichkeit ein Franke, ein Nürnberger, den ein nicht untypisches Schicksal immer tiefer in das Innere des Vereinigten Königreichs verschlagen hat. Werner Heubeck, Jahrgang 1923, war am Ende des Krieges in amerikanische Gefangenschaft geraten. Nach anderthalb Jahren kehrte er in seine Geburtsstadt zurück. Nicht lange, da lernte er eine Engländerin kennen, die „am Kriegsgericht arbeitete“; mit ihr ging er zurück auf die Insel.

Er lebte erst in Südwales; da war er ein einfacher Arbeiter. In einer Textilfirma brachte er es zum technischen Angestellten. Im Jahre 1957 ging er nach Aberdeen, da war er schon technischer Leiter. Wenig später suchte die Belfaster Stadtverwaltung per Annonce einen Optimisten, der sich zutraute, ihre Omnibusgesellschaft zu sanieren. Seitdem ist der Franke Werner Heubeck, mittlerweile britischer Staatsbürger, Generaldirektor in Nordirland.

„Ich wollte ursprünglich ja nur drei bis fünf Jahre bleiben“, schmunzelt Heubeck und läßt den Tirolerhut in seinen kräftigen Händen noch eine volle Umdrehung machen. „Dann sind die Unruhen ausgebrochen. Ich bin natürlich geblieben.“