Von Theo Sommer

Vier Jahrzehnte sind in der Geschichte ein ganzes Zeitalter. Vierzig Jahre nach dem Wiener Kongreß stand Europa an der Schwelle zum Krimkrieg; vierzig Jahre nach Bismarcks Reichsgründung glimmte schon die Lunte, die 1914 das Pulverfaß Europa zur Explosion brachte; nur zwanzig Jahre nach den Pariser Konferenzen, die den Ersten Weltkrieg beendeten, brach Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Jetzt feiern wir die vierzigste Wiederkehr des Tages, an dem Amerikas Außenminister auf den Stufen der Gedächtniskirche im altehrwürdigen Harvard Yard den Marshall-Plan aus der Taufe hob – ein auf vier Jahre angelegtes Hilfsprogramm, um Europa aus "Hunger und Armut, Verzweiflung und Chaos" zu erretten.

Die Ordnung, die damals geschaffen wurde, hat in ihren Grundzügen noch immer Bestand. Dies spricht für die Weitsicht ihrer Architekten, die sich in jenen Jahren der elenden Wirklichkeit bemächtigten und ihr neue Gestalt gaben. Inzwischen freilich haben sich die weltpolitischen Gewichte verschoben. Wir stecken mitten in einem historischen Themenwechsel. Die Partner und Widersacher jener Jahre – Amerika, Europa, Rußland – haben innere Wandlungen durchgemacht, die auf eine säkulare Mutation hinauslaufen. Wie wird sich das Geflecht ihrer Beziehungen verändern? Was kann, was wird auf dem alten Fundament an neuen Strukturen entstehen?

Der Marshall-Plan war der hochherzigste karitative Akt der Weltgeschichte. Zwischen 1948 und 1952 gingen aus dem "European Recovery Program" rund dreizehn Milliarden amerikanische Dollar in fünfzehn europäische Länder, achtundachtzig Prozent als Geschenk – gerechnet in 1985-Dollars wären dies siebzig Milliarden. Die Bundesrepublik – nach Großbritannien (3,1 Milliarden), Frankreich (2,7) und Italien (1,5) der viertgrößte Empfänger erhielt 1,39 Milliarden. Mit dem Marshall-Segen wurden Städte wiederaufgebaut, Häfen und Fabriken, Straßen und Kanäle. Die Amerikaner schickten Traktoren, Fischernetze, Kohle, Getreide. Vor allen Dingen jedoch schickten sie, woran damals am meisten Mangel herrschte: Hoffnung.

Die gigantische Hilfsaktion war nicht nur ein karitativer Akt. Dahinter stand politisches Kalkül: Europa mußte wieder auf die Beine kommen, wenn es nicht – zumal in Frankreich und Italien – der kommunistischen Verlockung erliegen sollte. Auch wirtschaftliche Überlegungen standen Pate: Es sollte der amerikanischen Wirtschaft wieder ein aufnahmefähiger Markt eröffnet werden. Kriegsfurcht trat hinzu: "Die ganze Welt hängt in der Schwebe", sagte George Marshall vor dem Kongreß. Die Hilfe für Europa galt als eine Form jener "Eindämmung", die George Kennan kurz zuvor zum Leitmotiv der amerikanischen Politik gegenüber Stalin erhoben hatte.

Der Marshall-Plan war die Sache einiger weniger Männer des alten Establishments. Kennan war einer von ihnen; Charles Bohlen gehörte dazu, Dean Acheson, John McCloy, Averell Harriman, Robert Lovett, Paul Nitze. Es fiel ihnen nicht leicht, Amerika an Europa zu binden. Der Kongreß war mißtrauisch bis ablehnend. Die rechten Republikaner witterten hinter dem Hilfsplan eine "sozialistische" Schnapsidee. Die Stimmung im Lande war eher isolationistisch – let Europe go war eine weitverbreitete Haltung. Die Europäer aber, allen Anstrengungen Jean Monnets zum Trotz, brachten es nicht fertig, sich auf ein gemeinsames Konzept zu einigen; außer "sechzehn Bestellzetteln" hätten sie nichts zu bieten, klagte Marshall. Es bedurfte erst des Prager Umsturzes im Februar 1948 und einer regelrechten Krieg-in-Sicht-Krise, um den Kongreß umzustimmen und den Westeuropäern Beine zu machen.

Der Marshall-Plan hat Westeuropa gerettet, aber er verhärtete zugleich die Teilung des Kontinents – wie die Währungsreform die Teilung Deutschlands verhärtete. Es lag darin eine unabwendbare Tragik; aber auch ein Verharren Westeuropas in Elend hätte Stalins Argwohn und Ehrgeiz, wie er sich bald danach in seinem Blockade-Griff nach Berlin manifestierte, nicht gestillt. Immer schwerer lag die Hand des Diktators im Kreml auf Osteuropa; er untersagte den Polen und Tschechoslowaken die Beteiligung am Marshall-Plan. Zur gleichen Zeit wurden im Westen die Grundlagen jener Sicherheitsstruktur geschaffen, die bis heute den Frieden zwischen Ost und West erhalten hat. Die Spaltung der Alten Welt war der Preis, den die Westeuropäer für ihre Sicherheit und ihren Wohlstand bezahlten.