Birkel steht zum zweitenmal am Pranger

Von Herbert Schäfer

Diese Mitteilung hätte sich Klaus Birkel gerne erspart. Der Eigentümer des größten deutschen Nudelherstellers mußte für das Unternehmen Kurzarbeit anmelden – erstmals in der langjährigen Geschichte des schwäbischen Familienunternehmens. Die Birkel SC Söhne GmbH hatte in den zurückliegenden Wochen derartige Auftragsrückgänge hinnehmen müssen, daß die in drei Schichten laufende Produktion gedrosselt werden muß. Handel und Verbraucher waren aufgeschreckt worden, weil das Stuttgarter Sozialministerium die Meldung verbreitet hatte, in den Nudeln des Marktführers sei Ei verarbeitet worden, in dem möglicherweise gesundheitsschädliche Rückstände aus Medikamenten nachgewiesen wurden.

Diesen neuen Lebensmittelskandal führen Stuttgarter Regierungsstellen auf Zutaten zurück, die Birkel aus Österreich bekommen hat. Sie sollen unter der Bezeichnung „Readymix“ als Fertigmischung von Trockenvollei und Grieß aus Wien nach Süddeutschland gelangt sein und dort zu ganzen Bergen von Spaghetti, Maccaroni und Spätzle verarbeitet worden sein. Vollends verging den Schwaben der Appetit auf ihr Nationalgericht, als der Stuttgarter Regierungspräsident Manfred Bulling Ende Mai die Öffentlichkeit „über den Stand in Sachen Chloramphenikol“ informierte und damit Deutschlands Nudelkönig Birkel, der nicht weniger als achtzig Prozent Marktanteil hat, empfindlich traf.

Denn das Breitband-Antibiotikum Chloramphenikol gilt als krebsverdächtig und kann in höherer Dosierung das menschliche Knochenmark schädigen. Bei Kleinstkindern kann es sogar das lebensgefährliche „Grey-Syndrom“ mit Atemnot und Kreislaufkollaps hervorrufen. Im Birkel-Hauptwerk Weinstadt-Endersbach bei Stuttgart haben die Beamten laut Bulling in 60 Tonnen Readymix, die für die Produktion von 1900 Tonnen Teigwaren ausreichen, unzulässig hohe Konzentrationen dieses Medikaments gemessen – bis zu 17 Mikrogramm pro Kilo. Weitgehend sei die Mixtur jedoch bereits verarbeitet und das Endprodukt in den Handel ausgeliefert worden, ehe die Behörden einschreiten konnten. Die Firma Birkel habe sich außerstande gesehen, „diese Waren selbst – ähnlich den Rückrufaktionen von Autoherstellern – zurückzurufen“. Zwei der beanstandeten Chargen, so Bulling, habe das Unternehmen ausschließlich zu „7-Hühnchen-Eiernudeln“ verarbeitet, beispielsweise zu den Fabrikaten Gabelspaghetti, Muscheln, Birelli, Zöpfli und Trulli. Insgesamt dreißig Tonnen Readymix wurden beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen.

Mittlerweile wurde auch Birkeis Wiener Geschäftspartner, die Firma Biomerx, in die amtlichen Ermittlungen einbezogen, die sich vorwiegend in den Ländern des Ostblocks mit Rohstoff eindeckt und außer Birkel fast sämtliche Eierteigwarenhersteller in Österreich mit der Trockenei-Grieß-Mischung Readymix beliefert. Biomerx-Sprecher Hans Burger wehrt ab: Sein Erzeugnis sei absolut lupenrein, und von schädlicher Chemie will er nichts wissen.

Spätzle-Boykott