Ebenso bestreitet der Birkel-Sprecher Helmut Lanzrath jede Schuld seines Hauses und stellt die Korrektheit der staatlichen Meßresultate in Frage: „Wir vermuten, daß beim chemischen Landesuntersuchungsamt etwas nicht in Ordnung war.“ Birkel plane rechtliche Schritte gegen das Land Baden-Württemberg, das dem Unternehmen durch die öffentliche Warnung der Verbraucher mit Nennung der verdächtigen Produkte schweren Schaden zugefügt habe. Währenddessen wollen Beamte des Wirtschaftskontrolldienstes der badenwürttembergischen Polizei beobachtet haben, daß Lastzüge mit den vom Handel zurückgeschickten Nudeln vor dem Werk in Weinstadt zeitweilig Schlange stehen. Die Umsatzeinbußen sollen laut Lanzrath bis zu fünfzig Prozent ausmachen.

Schon einmal, vor zwei Jahren, hatte die Firma nach eigenen Angaben fünfzig Millionen Mark Umsatzverlust hinnehmen müssen. Damals boykottierten bundesweit Hausfrauen die Spätzle und Spirelli, weil Firmenchef Klaus Birkel enge Geschäftsbeziehungen zu dem holländischen Flüssigei-Fabrikanten Jan van Loon unterhielt.

Van Loon ging wegen seiner illegalen Machenschaften mit angebrüteten Eiern für Lebensmittelzwecke bald in Konkurs: Seine deutschen Großabnehmer hatten ihm die Freundschaft gekündigt, als durchsickerte, daß eine detaillierte Kundenliste des Holländers bei Kripo und Steuerfahndung kursierte. In Arnheim wurde er 1986 „wegen falscher Ausfuhrdokumente“ zu sieben Wochen Haft verurteilt, wovon er allerdings nur drei Wochen absitzen mußte.

Skandale um Eier haben in der Bundesrepublik Tradition, aber auch weitreichende Wirkung. Immerhin schlucken die Deutschen im Jahr achtzehn Milliarden Frischeier – und damit oft auch Arzneien, die krankem Federvieh in den Legebatterien verabreicht wurden. Unter der Schale können sich etwa Medikamentenrückstände aus der Gruppe „Furacolidon“ und „Nikarbazin“ verbergen, die den Hennen bei Darminfektionen und Pilzbefall ins Futter gemischt werden. So manche Besitzer von Legebatterien warten die vorgeschriebenen Wartezeiten nach der Medikamentenbehandlung ihrer Tiere nicht ab und bringen „Pharmaeier“ auf den Markt.

Die deutsche Hühnerlobby führt das zunehmende Gesundheitsrisiko beim Eierverzehr auf skrupellose Machenschaften ausländischer Konkurrenten zurück – besonders auf Holländer und Belgier. Sie übersieht dabei aber die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Denn auch deutsche Hühnerfarmer besitzen eine reichlich sortierte Stallapotheke. Allein gegen die parasitäre Darminfektion Coccidiose gibt es mindestens zwölf verschiedene Präparate.

„Massenbetrug“

Eier – werden aber in den meisten deutschen Bundesländern wegen der komplizierten Prüfmethoden nur selten auf Rückstände untersucht. Lediglich Baden-Württembergs Wirtschaftskontrolldienst (WKD) wird immer wieder fündig. Die schlechtesten Erfahrungen machte der WKD mit holländischer Ware. So entdeckten die Lebensmitteldetektive 1985 in flüssigem Ei aus den Niederlanden neben allerlei Chemie auch Eiterbakterien, Teilchen abgestorbener Hühnerembryos sowie Schalen und Fäkalien. Jahrelang hatte ein Panscher die Elite der deutschen Lebensmittelindustrie mit solcher Pampe beliefert, ohne daß auch nur eine einzige der weit über einhundert Markenfirmen den ekelerregenden Schwindel bemerkt haben wollte.