Von Willi Winkler

Im September 1986 erwarb ich in London den "Collins", der eben in der zweiten Auflage erschienen war. Der "Collins" ist ein einsprachiges Wörterbuch in einem Band, das neben all den semantischen Angaben auch 15 000 biographische Einträge enthält. Einer bösen Ahnung folgend schlug ich unter "Becker" nach, und tatsächlich, da stand es: "born 1967, West German tennis player: Wimbledon champion 1985: the youngest man ever to win Wimbledon."

Der Redaktionsschluß dieser überarbeiteten Ausgabe lag vor Beckers zweitem Wimbledonsieg, das ändert aber nichts daran, daß da einer Eingang in ein Wörterbuch gefunden hatte, der zehn (in rohen Zahlen: 10) Jahre jünger ist als ich und außer Tennis spielen allenfalls Sonnenbrillen tragen kann. Es gibt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.

Vielleicht war es seinerzeit doch die falsche Entscheidung, länger in die Schule zu gehen und zu studieren und davon immer nur älter zu werden. Vielleicht haben es Leute wie Becker schlauer angestellt, denn "gut schreiben kann aber doch wirklich jeder zweite Depp", wie Rainald Goetz bereits 1983 so richtig bemerkt hatte.

Becker, Mathias Rust und die anderen deutschen Wunderkinder sind womöglich erzdumm (ein schwacher Trost für den, der ihre Kunst nicht beherrscht), aber sie haben ihre Minimalkompetenz so perfektioniert, daß sich kein Mensch mehr um den über seinen Schreibtisch gebuckelten Geistesarbeiter kümmert und statt dessen jeder Tennisspielen oder Fliegen lernen will. Seit April 1987 gehören die Ausgaben für eine Tennisausrüstung in den Warenkorb der monatlichen Preissteigerungsrate.

Die jungen Schmalspurgenies sind groß herausgekommen – und nur darum geht es doch (cf. Robert Gernhardt: "Glück Glanz Ruhm"; Zürich, 1983). Daß sich Leistung nach dem Lambsdorff-Prinzip lohnt, läßt sich nachrechnen: Boris Becker verdient pro Jahr die unfaßbare Summe von 30 Millionen Mark.

Vorteil Steffi