Achtundvierzig Stunden Streik – Chaos auf der Eisenbahn", kündigten die Schlagzeilen an – zum Glück nur für das Wochenende vor den Wahlen, zu denen (da es keine Briefwahl gibt) jeder Italiener, auch aus dem Ausland, kostenlos oder verbilligt nach Hause befördert wird. Und wer wollte sich solche Gelegenheit entgehen lassen, selbst wenn er nichts oder nur Schimpfwörter auf die Wahlzettel schreibt. Dennoch hatte es bisher nie an hitziger Dramatik im Wahlkampf gefehlt – weder im "Palazzo", wo die Berufspolitiker ihre Akrobatik betreiben, noch auf der "Piazza", wo das Volk den Wind machte, nach dem sie ihre Fahne hängten.

Jetzt aber, mitten im wortgewaltigen Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 14./15. Juni, die von den Parteien dramatisch als einziger Ausweg angesteuert wurden, war plötzlich so etwas wie Windstille ausgebrochen. Nicht etwa als Ruhe vor dem Sturm, sondern als fast demonstrative Gleichgültigkeit der italienischen Wähler. Denn was ihnen die Parteien zu sagen haben, klingt in den Ohren der meisten mehr denn je wie der Ausspruch in Lampedusas "Leopard": Es müsse sich alles ändern, damit es so bleibe, wie es ist...

Auch Meinungsumfragen lassen nichts anderes erwarten: Die Democrazia Cristiana wird die stärkste, die kommunistische die zweitstärkste Partei bleiben, auch wenn beide, um die sich je rund ein Drittel der Wähler schart, kleine Einbußen erleiden dürften – die Kommunisten mehr, die Christdemokraten weniger. Die sozialistische Partei jedoch, deren Vorsitzender Craxi dreieinhalb Jahre lang regiert hat, wird wiederum nur mit einem weinenden Auge der lachende Dritte sein: Nur zwei oder drei Prozentpunkte mehr als ihre bisherigen 11,4 prophezeien ihr die Demoskopen.

Gewiß war Italien beeindruckt von der Stabilität, auch der wirtschaftlichen, die Craxi dem Land zu verschaffen schien. Fallender Dollarkurs und sinkender Ölpreis halfen mit, aber am Ende hatte sich herausgestellt, daß die Fünf-Parteien-Koalition Craxis kaum etwas von jenen "Reformen" zustande gebracht hatte, die alle ihre Partner versprochen hatten. Weder im Justiz- und im Gesundheitswesen, noch in der Pensions- und Mietgesetzgebung gab es spürbare Fortschritte; von dreieinhalbtausend Gesetzesvorlagen sind dreitausend am Ende der Legislatur verfallen. Nur die Hälfte all der (auf zwei Monate befristeten) Dekrete, mit denen Craxi vorwiegend regierte, konnten in Gesetze verwandelt werden, obschon sich die Regierung formell auf eine Mehrheit von 56 Prozent hatte stützen können. "Heckenschützen" aus allen Koalitionsparteien verhinderten es – kein Wunder also, daß auch die absurde Geheimabstimmung bei Sachfragen nicht abgeschafft wurde. Immer schwerer war es den Christdemokraten gefallen, den dreimal kleineren Sozialisten den Posten eines Regierungschefs zu überlassen und den autoritären Führungsstil zu ertragen, mit cem Craxi seine politische Schwäche kompensierte.

Nicht nur in Wählerzahlen drückt sich die Schwäche der Sozialisten aus. Der "Liberalsozialismus", den die Partei verkündet, zielt aus dem Nebel des Begriffs nicht so sehr auf soziale Reformen, sondern vor allem auf eine Änderung der Verfassung, die Italien in eine Präsidialrepublik verwandeln soll, in der die Hauptrolle nicht mehr die parlamentarischen Entscheidungen, sondern Volksbefragungen spielen sollen – eine direkte Demokratie also, doch zugeschnitten auf die persönliche Rolle eines Präsidenten, als den man sich den sozialistischen Parteichef vorstellen darf.

Craxis Image eines "starken Mannes" und sein bald bürgerlich-konservativ, bald radikal-liberal getönter Reformismus hat den italienischen Sozialisten traditionelle Wähler auf der Linken entfremdet, ohne ihnen jedoch viele von rechts und der Mitte zuzuführen. Ihre und damit Craxis Schlüsselrolle ist und bleibt gleichwohl unerschüttert. Sie ließ Craxi jetzt im Wahlkampf selbstbewußt versichern, daß er sich weder einer christdemokratisch noch einer kommunistisch "beherrschten" Koalition unterordnen werde – und zugleich gab er jedem der beiden "Großen" zu verstehen, daß er – natürlich nur als Regierungschef – mit dem anderen durchaus handelseinig werden könnte: Mit den Kommunisten und anderen "laizistischen" Parteien einer "linken Alternative", aber auch mit den Christdemokraten zur Neuauflage der alten Fünfer- Koalition.

So nahe es bei all dem liegen würde – die Stunde einer entschiedenen Opposition hat dennoch nicht geschlagen. Zwar spielt die kommunistische Partei Italiens diese Rolle ernsthaft und durchaus nicht so verbissen wie in den Jahren ihrer totalen Isolierung; doch auch sie hat heute den Wählern keine greifbare Alternative anzubieten. Ihre vor Jahren noch fast messianische Begeisterung für einen "Euro-Kommunismus", zwischen Sowjet-Kommunismus und Sozialdemokratie angesiedelt, ist verpufft. Von Marxismus sei bei ihr kaum etwas übrig, bescheinigte ihr sogar die vatikanische Civilta Cattolica. Gorbatschows neuer Kurs hat ihre Sowjetbegeisterung nicht wiederbelebt, sondern ihre Kritik am Sowjetsystem nur bestätigt; doch ihren eigenen politischen Ort vermag sie doch nicht genau zu definieren. Obschon sich 80 Prozent der Delegierten ihres letzten Parteitags zur schwedischen Art von Sozialdemokratie bekannten, will sie "kommunistisch" bleiben.