Von Petra Kipphoff

Auf dem Heinrich-Böll-Platz hinter dem Wallraf-Richartz-und-Ludwig-Museum gehen die Leute im Nieselregen spazieren. Zwischen Dom, Rhein und dem neuen Museumsgebäude kann man hier promenieren, auf den Fluß schauen und überlegen, ob man schon wieder zum nahegelegenen Bahnhof muß oder noch einen Blick in das Römisch-Germanische Museum werfen kann. Zeit für eine Pause.

Auf einmal eine leichte Irritation, ein paar Leute drehen sich um, bleiben stehen, blicken auf. Wieso hört man auf einmal die Durchsage vom Bahnhof? Wo sitzen die Vögel, die ein paar Schritte weiter zwitschern? Und seit wann ist das Gurgeln und Glucksen des Rheins so deutlich zu hören? Ein junger Mann und das Mädchen an seiner Seite schauen sich fragend an: War man bisher taub vor lauter Sehen? "Abfahrt des Intercity 602 nach Hamburg um 15.09 von Gleis 12" – eine ältere Dame schaut leicht verstört auf, hat sie den Zug versäumt?

Natürlich nicht. Was sie hier gerade hört – der Zug, der über ihren Kopf hinweg den Platz überquert, die Wellen, die sich sanft zu ihren Füßen brechen und die Vögel, die vom Museumsdach herunterzwitschern, die Glocken, die läuten und doch ganz deutlich nicht die Domglocken, sondern die von Groß St. Martin sind: all dieses ist Teil der Klangskulptur "Metropolis Köln". Bill Fontana, der amerikanische Klang-Künstler, hat 18 Mikrophone in Köln verteilt und 28 Lautsprecher auf den Gebäuden um den Museumsplatz installiert, und was man jetzt hört, ist das aus Rhein, Kirchen, Fußgängerzone, Bahnhof, Hohenzollern-Brücke und Zoo gemischte Klang-Porträt der Stadt.

Aber das ist nur die erste Hälfte seiner Arbeit, des Doppelporträts Köln-San Francisco, auch "Ohrbrücke" genannt. Drei Stunden später, um 18 Uhr, sitzt Fontana im Ü-Wagen des Westdeutschen Rundfunks vor dem Museum, und Klaus Schöning, der Leiter des Hörspiel-Studios des WDR, steht in einem Studioraum des Funkhauses und macht die Ansage für eine wahrhaft exzeptionelle Sendung. Nebelhörner, Seelöwen, Möwen und Autos sind auf einmal zu hören – die Schaltung nach San Francisco über New York hat funktioniert. Die Geräusche der gerade fünfzig Jahre alt gewordenen Golden-Gate-Bridge, der Seetiere von den Farallon Inseln vor San Francisco und des Pazifiks mischen sich mit Dom und Hauptbahnhof, der Fußgängerzone und dem Rhein. An einem gewaltigen Schaltbrett mit flackernden Lämpchen und Reglern sitzt Fontana, die Partitur vor sich, läßt zu Beginn die kalifornischen Nebelhörner dumpf dröhnen und die Kölner Glocken anschwellen, gibt dann den kreischenden Möwen und brummenden Seelöwen ihren Einsatz und läßt, ein Höhepunkt, ungefähr zur Hälfte der Sendezeit, das große Solo der Domglocken los. Glocken, Glocken, auf den Museumsplätzen in Köln und San Francisco, im Freien und im Radio. In San Francisco ist es jetzt halb zehn Uhr morgens, in Köln halb sieben am Abend, und trotz des schlechten Wetters haben sich viele Menschen auf dem Heinrich-Böll-Platz unter ihren Regenschirmen eingenistet.

Um sieben Uhr, einige begeisterte und einige empörte Anrufe sind inzwischen im Funkhaus angekommen, machen Klaus Schöning und sein amerikanischer Kollege Eric Friesen vom "American Public Radio" die gemeinsame Absage: "Sie hörten eine Life-Komposition ... you have just been listening to a live-composition ..." Im Studioraum fällt man sich in die Arme, alles hat geklappt, ein internationales, öffentliches Life-Abenteuer ist ausgestanden. "Radio ist das Größte", seufzt Klaus Schöning, und während er ein bißchen an die Decke springt, kommt aus dem Hintergrund die nächste Ansage: "Sie hören die Symphonie Nr. 1 von Ludwig van Beethoven, es dirigiert Otto Klemperer." Die Rundfunk-Welt ist wieder in Ordnung.

Klaus Schöning, der hier den Tag über herumeilte, als sei er Leonard Bernstein und die Heinzelmännchen von Köln in einer Person, ist es, der dies alles inauguriert, arrangiert und inszeniert hat – und das nicht als privater Mäzen, freiwirkender Impresario oder Creativ-Direktor der "Deutschen Grammophon Gesellschaft" (die brauchen immer ein paar Extrajahre, um die Träume von gestern als Pioniertat von heute zu stemmen), sondern von einer Beamtenposition aus. Schöning, 1936 geboren und zunächst im Studium und der ersten Berufspraxis dem Theater verschrieben, ist Erster Dramaturg, Regisseur und leitender Redakteur des WDR-Hörspiel-Studios in Köln. Seit Schöning, der dieses Studio aufgebaut hat, gibt es nicht nur das "Neue Hörspiel" (er beschrieb dessen Inhalte zum ersten Mal in einer Sendung 1968), sondern, und das charakterisiert seine Arbeit und Absichten viel anschaulicher, das HörSpiel. ",Hör‘ ist ein Imperativ, ‚Spiel‘ ist ein Imperativ", hatte Ernst Jandl, einer der seltenen Sprachklang-Künstler unserer Zeit, geschrieben. Genau das tut Klaus Schöning. "Radiophone Kunst" nennt Gerhard Rühm es, etwas weniger sprachsinnlich.