Paris, im Juni

Bislang gefiel sich Frankreich in der Rolle eines Zuschauers, dem es nur recht war, daß auf der Abrüstungsbühne nichts geschah. Der sehnlichste Wunsch der französischen Sicherheitspolitiker war die Aufrechterhaltung des Status quo in Europa. Doch die Hoffnung, die Abrüstungsverhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten würden zu keinem Ergebnis führen, ist geschwunden. Obendrein bahnt sich eine Entwicklung an, welche die deutsch-französische Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe zu stellen droht.

Abrüstung ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, sagt ein skeptischer französischer Diplomat. Zwei Überlegungen bestimmen Frankreichs Haltung:

  • Erstens haben die Franzosen ein stetes Interesse an einer möglichst massiven Präsenz der amerikanischen Schutzmacht im deutschen Vorfeld; die Aussicht, daß die Vereinigten Staaten alle in der Bundesrepublik stationierten Mittelstreckenraketen beseitigen, erfüllt die meisten Pariser Sicherheitsfachleute mit Beunruhigung.
  • Zweitens will Frankreich, dessen atomare Force de frappe sich verhältnismäßig bescheiden ausnimmt, auf keinen Fall selber abrüsten. Doch jetzt ist ein Abrüstungsprozeß in Gang gekommen, aus dem sich herauszuhalten immer schwieriger sein wird.

Noch bevor die Mittelstreckenraketen verschrottet sind, richtet sich in der Bundesrepublik die Aufmerksamkeit auf die bedrohlichen Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite bis zu 500 Kilometern. Frankreich ist gerade dabei, eine neue Generation von Kurzstreckenraketen (Hadès, Reichweite 350 Kilometer) zu entwickeln, welche die alten Pluton (Reichweite 120 Kilometer) ersetzen sollen. Das deutsche Abrüstungsinteresse stößt hier auf französische Aufrüstungspläne.

Kein Wunder, daß der französische Europaminister Bernard Bosson vorige Woche in Hamburg sein Land als mögliches „Opfer der Abrüstung“ darstellte. Bosson sprach auf der 13. deutsch-französischen Konferenz, einem Treffpunkt von Politikern, hohen Beamten, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern beider Staaten. In recht schwarzmalerischer Stimmung war ein Großteil der französischen Teilnehmerschaft angereist, so auch Thierry de Montbrial, der Leiter des angesehenen Institut Français des Relations Internationales (ifri): Montbrial sah „verheerende Auswirkungen“ der sowjetisch-amerikanischen Abrüstungsvorhaben voraus.

Doch außer Kritik an einer Entwicklung, die sie nur zu gerne verzögern möchten und doch kaum beeinflussen können, hatten die französischen Gesprächspartner wenig zu bieten. Für ihre Politik der „Nichtabrüstung“, die jetzt völlig überholt scheint, haben sie noch keinen Ersatz. So hatten sie öfter nur ausweichende, verlegene Antworten auf die mitunter ziemlich kritischen Fragen parat, die von der deutschen Seite kamen.