ARD, Mittwoch, 3. Juni: „Liebe ist kein Argument“, Fernsehfilm von Marianne Lüdcke

Immer wenn es in bundesdeutschen Fernsehfilmen realistisch zugeht, schnaufen die Schauspieler kurz, aber hörbar durch die Nase, bevor sie „weißt Du...“ sagen; fallen sie, wenn gerade ihre Welt zusammenbricht und sie ein „Nein!“ oder „Bitte!“ abzuliefern haben, in einen beschwörenden Flüsterton und telephonieren mit einem Partner, der ihnen in jedes dritte Wort fällt und sie zu einem effektvollen Stammeln zwingt.

Es wäre vielleicht ganz unterhaltend, eine Liste jener Manierismen und Klischees zusammenzustellen, die in den hiesigen Studios Natürlichkeit verbürgen. Man käme auf zirka zwanzig und könnte vor dem Bildschirm kleine Strichlisten führen und gucken, welcher Tick das Rennen macht.

Zum Beispiel das Ehe-Krisen-Stück. Er ist erfolgreich, sie schön, beide im besten Krisenalter (auf die 50 zu). Und sie geht fremd. Das erwachsene Kind haßt nun die Mutter und leidet sehr. Der Vater erfährt von der Sache (als letzter) und leidet auch. Die Mutter ist mit dem unkonventionellen Liebhaber erkennbar glücklich. Aber letzterer ist nicht nur unkonventionell, sondern ein Tunichtgut. Man sieht die schöne Frau sozial und moralisch sinken, erotisch jedoch sich verbessern.

Für den Schluß gibt es diese drei Varianten: Der betrogene Ehemann oder das erwachsene Kind begehen eine Gewalttat; der Liebhaber treibt es (mit seinen dunklen Geschäften) zu arg und die Mutter in die Arme des Vaters zurück; das Ehepaar spricht sich aus und setzt die Vernunft in ihr Recht, woraufhin entweder Trennung oder Versöhnung erfolgt. Die anspruchsvolleren Filme lassen das Ende offen.

Ein solcher Film ist „Liebe ist kein Argument“ von Marianne Lüdcke. Wir finden alles wieder: den überarbeiteten Karrieristen, seine attraktive Gattin, die große Tochter, den zwielichtigen Liebhaber. Kleine pikante Pointe: Der Ehestörer ist Freund der Tochter, bevor die Mutter ihn abwirbt. Die schöne Mutter wird es mit diesem kleinkriminellen Liebhaber nicht lange aushalten, die Tochter wird nachher froh sein, daß sie den Gangster los ist, und Vater wird allen vergeben. Ein Film mit verkapptem Happy-End und so zumindest nicht übertrieben anspruchsvoll.

Im Ernst, die Menge von Klischees, die da in 95 Filmminuten geboten wurde, geht auf keine Netzhaut. Nicht nur, daß man die Handlung kannte und wie einen lästigen, aber treuen Vertreter grüßte, nicht nur, daß die Natürlichkeitsstereotypen der Schauspieler eine Atmosphäre von Studiokulissen und Garderoben erzeugten: Es fehlte auch in den Dialogen keine jener Zeilen, wie sie zur Fernseh-Realität, Kapitel midlife-crisis, nun mal gehören.