Er hat sechs Bundespräsidenten, sechs Kanzler und siebzehn Regierungssprecher erlebt; die meisten davon hat er mit freundlich-spitzer Feder beschrieben: Walter Henkels, Hofchronist zu Bonn. Jetzt ist er, 81 Jahre alt, gestorben.

Henkels hat nie den Ehrgeiz gehabt, donnernde Leitartikel zu verfassen, aber er war ein genauer Beobachter, der, wie er zu sagen pflegte, seine Pappenheimer kannte. Einer, der Farbe ins politische Geschäft brachte, der erzählen konnte, mit einem guten Schuß Ironie, aber ohne zu verletzen.

Er hat Politik von nahem erlebt, er war dabei, als Brandt im Warschauer Ghetto auf die Knie fiel, er hat Richard Stücklen Skat beigebracht und Adenauer beim Bocciaspiel in Cadenabbia so manche Bosheit über Parteifreunde entlockt. Dutzende Bücher sind aus seinen Beobachtungen entstanden, und immer wieder kam er auf Adenauer zurück.

Henkels war nahe dabei, aber er hat sich nie vereinnahmen lassen. Mit seinem Urteil, auch wenn es nicht mit ausgestrecktem Zeigefinger gesprochen wurde, hat er nie hinter dem Berg gehalten. Seine scheinbar leichte Prosa war oft politischer als viele gedankenschwere Kommentare.

Institutionen haben ihn nie sehr interessiert, das ist wahr, er sah die Akteure, er hatte Sinn für ihre Schwächen und ihre Stärken, fürs Menschliche und Allzumenschliche. Henkels hat viele „Bonner Köpfe“ beschrieben; in den letzten Jahren hat er sie so häufig nicht mehr gefunden. In diese Galerie aufgenommen zu werden, war eine Art politischer Auszeichnung – erhofft, aber auch gefürchtet. Schließlich ist er selber einer der Bonner Köpfe geworden, und im Gegensatz zu vielen anderen, die von ihm beschrieben wurden, eine Institution.

Rolf Zundel