/ Von Wolfgang Hoffmann

Wenn die Zeichen nicht trügen, steht in der Bundeshauptstadt die Neuinszenierung eines Stückes auf dem Programm, das viele Jahre lang ein Publikumsrenner war – das Bonner Sommertheater. Wie früher schon, dreht sich abermals alles ums Geld. Der einzige Unterschied zu den Theaterjahren zuvor: Die Premiere fand diesmal ausgesprochen früh statt.

Während die Akteure früher mit ihren Auftritten bis zu den Parlamentsferien gewartet hatten, wurde der Vorhang nun bereits zu Beginn des Weltwirtschaftsgipfels in Venedig gelüftet. Die Hauptrolle im ersten Akt übernahm ein Akteur aus der Provinz, Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth. Weil die Konjunktur sackt und sich für die Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden ein dramatisches Defizit abzeichnet, verkündet Späth ganz ungeschminkt, was Sache ist. Der Ministerpräsident im Spiegel: „Wir müssen das Volumen der Steuerreform und den Zeitpunkt neu überlegen.“

Für Bonn und die Steuerpläne von Finanzminister Gerhard Stoltenberg kam Späths Auftritt zur Unzeit. Die Bundesregierung hatte nämlich um jeden Preis verhindern wollen, den Gipfelteilnehmern in Venedig zusätzliche Munition für amerikanische wie britische Forderungen zu liefern, die Bundesrepublik müsse ihre Wirtschaft kräftig beleben. Die Notwendigkeit zu einer solchen Belebung wird in Bonn seit Wochen mit Hinweis auf geplante Steuersenkungen energisch bestritten.

In Wahrheit ist die Lage ernst. Mit welchem Kraftakt die Bundesregierung bemüht war, dies vor dem Postkarten-Gipfel in der Lagunenstadt zu vertuschen, zeigen die tagelang zurückgehaltenen Wirtschaftsdaten des ersten Quartals. Weil das Statistische Bundesamt angeblich noch nicht mit dem Rechnen fertig war, wurde die Bekanntgabe der gesamtwirtschaftlichen Daten des Winterlochs von Januar bis März auf den 11. Juni, den Tag nach dem Gipfel, verschoben. Als die Wahrheit – ein Rückgang des Bruttosozialprodukts um ein Prozent gegenüber dem vierten Quartal 1986 – dann aufgrund von Berechnungen der Bundesbank von deren Präsident Karl Otto Pöhl doch ans Licht gebracht wurde, wiegelte Bonn ab. Die Sachverständigen zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage hätten dem Kanzler noch kurz vor seinem Abflug zum Gipfel ihre Ansicht bekräftigt, die Wirtschaft werde, wie im Herbst prognostiziert, um 1,5 bis zwei Prozent wachsen.

Geschöntes Wachstum

Ganz so geschönt aber durfte der jüngste Weisen-Rat, an dem sich nur vier der fünf Experten beteiligt hatten, nicht interpretiert werden. Die Herbst-Prognose des Rates galt nämlich nur für den Fall, daß es im Jahresverlauf 1987 keine zusätzliche Schwäche geben würde. Die aber ist mit dem Wachstumsrückgang für das erste Quartal deutlich geworden. Der hilfreiche Hinweis von Bundesbankchef Karl Otto Pöhl, das Wachstum des ersten Quartals liege immerhin gut zwei Prozent über dem Ergebnis des vergleichbaren Zeitraums von 1986, ändert daran nichts, weil dieser Vergleich hinkt. Im ersten Quartal 1986 gab es nämlich mehr arbeitsfreie Tage als im ersten Quartal 1987. Mit anderen Worten: Dieses Wachstumsplus ist ebenfalls geschönt.