Wer den am 31. Mai auslaufenden Fahrplan der staatlichen italienischen Eisenbahnen studierte, wird sich manchmal darüber gewundert haben, daß gerade sein Verbindungszug planmäßig vor drei Minuten abgefahren war. Da allerdings mehr als die Hälfte aller Züge in Italien Verspätung haben – wenn man das internationale Reglement zugrunde legt, das mehr als fünf Minuten Verzögerung als Verspätung ansieht ärgerten sich manche Bahnkunden umsonst. Grund zum Hadern hatte auch ein Bahn-Fan mit historischen Kenntnissen. Ein Fahrplanvergleich mit der Zeit vor dem Kriege zeigte nämlich, daß die Dampfschnellzüge von damals schneller von Mailand nach Neapel fuhren als die elektrischen Nachfolger.

Mit dem Sommerfahrplan macht Italiens Eisenbahn nunmehr einen Sprung in die Zukunft – oder in die gute alte Zeit, wenn man will. Ihre neuen Intercity-Züge werden nämlich wieder die Geschwindigkeit zurückerlangen, die sie 1972 schon einmal erreicht hatten. Die Reisenden werden je nach Strecke um sieben bis zwanzig Prozent schneller befördert als bisher. Und dabei fahren sie mit den neu ausgerüsteten Zügen wesentlich komfortabler.

Das ist ein Resultat des neuen Reformkurses, den die italienische Eisenbahn steuert. Möglich machte dies der Staat mit mehr Geld für diesen bisher so vernachlässigten Dienst. Zugleich lockerte er auch die absurden Vorschriften, die jede Initiative lahmlegten. Seit einem Jahr ist die Bahn nicht mehr ein unmittelbar dem Ministerium unterstellter Betrieb, sondern eine autonome Körperschaft mit eigenem Vorstand und Verwaltungsrat. Mühsam versucht die Verwaltung derzeit, den Bediensteten erst einmal beizubringen, was eigene Verantwortung und Effizienz bedeuten.

Im Frühjahr statuierte die Bahndirektion in Rom erstmals ein Exempel: Das Personal des römischen Hauptbahnhofes hatte vergessen, einen vorbestellten Wagen für einen Pilgerzug nach Lourdes bereitzustellen. Die Direktion beurlaubte die fünfzehn verantwortlichen Eisenbahner zwanzig Tage vom Dienst. So etwas war noch nie geschehen.

Aus Protest riefen die Gewerkschaffen einen 24-stündigen Streik für den Bereich der Bahndirektion Rom aus. „Man kann doch nicht Disziplinarstrafen für Nachlässigkeiten verhängen, die ganz normal sind“, protestierte der regionale Gewerkschaftssekretär Virgilio Coppeletti. „Der Zug war dreckig? Wir Eisenbahner sind nicht für die Säuberung verantwortlich. Es gab kein Wasser? An jenem Abend hatte der ganze Bahnhof in Rom keines! Was konnte der Bahnhofsvorstand dafür?“

Inzwischen hat allerdings das Warnsignal gewirkt. Was die Gewerkschaft als „Einschüchterung des Personals“ bezeichnet, ist eine folgerichtige Politik zur Neuordnung der Verhältnisse. Die Verwaltung hat den Reinigungsfirmen gekündigt, die ihren Dienst für die Bahn nur auf gut Glück versahen.

Der neue Sommerfahrplan kommt einer Revolution gleich. Im Stundentakt verkehren jetzt wie in anderen europäischen Ländern 104 Intercity-Züge mit ungewohntem Komfort. Auch wenn die Fahrgäste Aufschläge von teilweise mehr als einem Viertel des Fahrpreises zahlen, reisen sie immer noch billiger als mit dem Auto, denn zum Benzinpreis von fast zwei Mark pro Liter kommt in Italien noch die Autobahngebühr. Die Fahrpreise je Kilometer liegen aber bei weitem unter denen der anderen Eisenbahnverwaltungen. Dem Autoverkehr und nicht dem Flugverkehr will die italienische Eisenbahn denn auch zunächst die Kunden abgewinnen, die als zahlende Gäste die Intercity-Abteile mit den neuen weichen Polstern füllen sollen.