Von Volker Hage

Der geteilte Himmel. Das war einmal. Kein ideologischer Graben, keine Grenzbefestigung, kein eiserner Vorhang kann verhindern und verhehlen, daß wir die Folgen eines Kernkraftstörfalls gemeinsam zu tragen haben. Ob Tschernobyl oder Stade, ob Cattenom oder Jaslovske Bohunice (in der Tschechoslowakei, nahe bei Österreich) – wo immer eine Katastrophe (wieder) stattfinden könnte: der verheerende Schaden läßt sich nicht begrenzen. Auch der Versuch, das Unglück in der Ukraine allein einem unfähigen System anzulasten statt einer Technik, die menschliches Irren nicht mehr verzeiht, einer Technik und einem Verständnis von Technik, wie sie in Ost und West gleichermaßen anzutreffen sind, der Versuch, die Menschen hierzulande mit dem Hinweis auf einen (relativ) höheren Sicherheitsstandard zu beruhigen, verfängt nur dann, wenn man sich partout nicht sorgen will.

Die öffentliche Aufmerksamkeit ist in den westlichen Staaten seit Tschernobyl enorm gewachsen. Wer regelmäßig die Tagespresse – bei uns speziell die tageszeitung – liest, erhält eine imposante (gewiß nicht einmal umfassende) Chronik der laufenden Störungen, Pannen, Vertuschungs- und Beschwichtigungsversuche. Im Osten ist die Kunst viel mehr als bei uns in das Gespräch über die Katastrophe von Tschernobyl einbezogen – in den zaghaften Protest und in die auch dort unüberhörbare Unheilsprophetie. Im Kino, auf der Bühne und in der Literatur wird das Thema verhandelt.

Für uns kein Grund zur Selbstgefälligkeit nach dem Motto: Wir haben solche künstlerischen Bemühungen als gut bediente Zeitungsleser nicht nötig! Es ist kein Geheimnis (und auch den Presseabteilungen der Atomkraftwerke nicht unbekannt), daß und wie sehr Information abstumpft. Die unablässige Berieselung mit neuen Nachrichten von automatischen Abschaltungen, „versehentlichen“ Ausschüttungen radioaktiven Dampfes oder Wassers („keine Gefahr für die Bevölkerung“), läßt am Ende nur ein zur Resignation treibendes Rauschen im Kopf zurück. Wer weiß schon im Moment zu sagen, ob Grundremmingen gerade abgeschaltet oder Brokdorf wieder für ein paar Sekunden angelassen wurde, um erneut auszufallen, ob das Natriumleck im Brüter Superphenix abgedichtet oder das schadhafte Dampfventil von Fessenheim ausgetauscht worden ist...

Und in diesem unbarmherzigen Konzert der bad news soll uns eine leise Stimme wie jene der Erzählung „Störfall“ erreichen? Keine Lösung wird in diesem Buch vorgeschlagen, kein Ausweg aufgezeigt, es gibt keine zusätzlichen Informationen und keine sensationellen technischen oder politischen Einsichten. Nicht das Ereignis von Tschernobyl wird beschworen, sondern das Echo in unseren Köpfen, nicht die Schlagzeile wiederholt, sondern es werden die Folgen im Alltagsleben festgehalten.

Das ist – auch – Aufgabe von Literatur: zu erzählen, wie die Menschen zurechtkommen mit Ereignissen, die später vielleicht einmal die Geschichtsbücher verzeichnen werden. Brechts Fragen des „lesenden Arbeiters“ („Wer baute das siebentorige Theben?“) wären wohl als politischer Nachhilfeunterricht zu kurz verstanden, sie umreißen auch ein ästhetisches Programm. „Alle zehn Jahre ein großer Mann“ – die Literatur versucht Antwort zu geben: „Wer bezahlte die Spesen?“