Vor 1933 lebten 175 000 Juden in Berlin, ein Drittel der deutschen Juden. Von ihrer Existenz, von ihrer Kultur ist heute kaum mehr zu finden als ein paar flüchtige Erinnerungsspuren, wenige Lebensfragmente. Ihre Vertreibung und Ermordung ist mit deutscher Gründlichkeit durchgeführt worden.

Den Rasseforschern des Dritten Reiches und ihrer treudeutschen Gefolgschaft ist es gelungen, mit den Menschen zugleich eine Welt zu vernichten und für die Nachgeborenen unzugänglich zu machen. Da verdient alles, was dieser Vernichtung entging, ganz besonderes Augenmerk. Im Berlin Museum werden zur Zeit jüdische Postkarten aus dem Nachlaß des Sammlers Ulrich Gerhardt, eines Zoologieprofessors aus pfälzisch-reformierter Familie ausgestellt. Sie konfrontieren den Betrachter mit einer zum Teil schon bei Drucklegung der Karten verlorenen Welt: Ausgerechnet die Bilder, die der Emanzipation dienen sollten, entziehen sich heute – in der kommentarlosen Präsentation – dem unmittelbaren Verständnis: Über jüdische Tradition ist denjenigen, die die Gnade der späten Geburt für sich in Anspruch nehmen, meist nichts bekannt. Neben religiösen Riten zeigen die Karten die Feste und das Familienleben, Porträts und Gemälde; sie dokumentieren die Armut des Ostjudentums, sind dem Sehnsuchtsziel Palästina gewidmet und halten in Momentaufnahmen die Zeitgeschichte fest.

Der Haß entlud sich, wie wir wissen, nicht nur gegen die fremdartig wirkende Welt des orthodoxen, armen Ostjudentums. Auch die lange ansässigen jüdischen Mitbürger wurden von ihm getroffen. In der großen jüdischen Gemeinde Berlins trafen diese beiden Gruppen oft unvereinbar aufeinander. Vielleicht rührt daher die Irritation, daß wir auf manchen der jüdischen Postkarten, die ja von Juden für Juden hergestellt wurden, ins Karikaturistische verzerrte Figuren finden. Sie ähneln den Bildern „des Juden“, dem wir später in der nationalsozialistischen Hetzpropaganda begegnen: den langnasigen, ärmlich-hageren Gettogestalten mit den zerzausten Barten. Die ironische Distanz – Symptom der sozialen Kluft zwischen den Alteingesessenen und den Einwanderern?

Daneben gibt es eine Reihe anspruchsvoller Kunstpostkarten von „verschwundenen“ Originalen, die uns Namen und Werk jüdischer Maler in Erinnerung rufen oder vorstellen. Ob Lazar Krestins frommer „Talmudjünger“, Samuel Hirszenbergs Gemälde „In Verbannung“ oder Regina Mundlaks erschütternde Zeichnung „Nach dem Progrom“ – es sind Bilder, die nicht nur im Motiv ihre Bedeutung haben. Was hier zu sehen ist, ist einzigartig – weil es die Auslöschung überlebt hat.

Klaus Strohmeyer