Von Ursel Sieber

Ein großer Wurf soll es werden, wenn die Grünen stiften gehen. Sie zieren sich noch ein wenig, aber niemand mag im Ernst mehr daran glauben, daß die Grünen auf ihren Anteil an jenen Millionen verzichten, die der Staat den Stiftungen von CDU, CSU, SPD und FDP alljährlich in die Taschen stopft. Auf einem Sonderparteitag im Herbst wollen die Grünen nun Farbe bekennen, und zwar so rechtzeitig, „daß die Arbeit einer derartigen Stiftung mit den Mitteln des Bundeshaushalts 1988 gefördert werden kann“. So hat es der Parteitag in Duisburg Anfang Mai beschlossen.

Am Horizont schimmert ein großer Batzen Geld. Längerfristig erwarten grüne Stifter bis zu 60 Millionen Mark im Jahr: knapp 60 Prozent als projektbezogene Gelder für die Arbeit in der Dritten Welt, der Rest für politische Bildung und als „Globalzuschuß“ ohne jegliche Nachweispflicht.

Die Entscheidung für eine eigene Stiftung, so hört man bei den Grünen, sei von ähnlich weitreichender Bedeutung wie die Gründung der Partei sieben Jahre zuvor. Dies allerdings steht in merkwürdigem Gegensatz zum bisherigen Verlauf der Stiftungsdebatte. Grüne Gemüter scheinen vor allem ganz praktische Fragen zu bewegen: Wer darf über das liebe Geld verfügen, und wohin soll es fließen? ‚Strukturmodelle‘ werden en masse gehandelt, während die politische Diskussion um Inhalt und Ziele einer grün-nahen Stiftung in den Kinderschuhen steckt.

Grundsätzliche Einwände hört man nur am Rande, und die bleiben meist diffus. Da geht es um die Angst vor Korruption in den eigenen Reihen, um den Zerfall der „Alternativszene“ in pure Lobbyisten; da ist man besorgt um eine zunehmende Integration der Grünen in den Staat und um die Verstaatlichung des politischen Lebens. Auch im „Fundi“-Flügel lautet die Schlußfolgerung zumeist nur, man möge nicht „zu schnell“ stiften gehen.

Aber der Stiftungszug fährt auf vollen Touren. Und in der Partei ist ein Machtkampf entbrannt, seit sich Otto Schily, Lukas Beckmann und Christa Nickels im vergangenen Herbst der Stiftungsfrage angenommen haben. Zusammen mit der Familie des verstorbenen Dichters Heinrich Böll spielten sie Taufpaten bei einem Kinde, das sich „Initiative zur Gründung einer Heinrich-Böll-Stiftung“ nennt und, einmal erwachsen, gerne grünnahe Stiftung werden möchte. Namhafte Freunde des Nobelpreisträgers sind dabei: der Zukunftsforscher Robert Jungk, der Schriftsteller Lew Kopelew, die Theologen Dorothee Sölle und Karl Bonhoeffer, der Publizist Siegfried Pater.

Ob das klappt, ist noch nicht abzusehen. Die Boll-Initiative ist in der Partei auf wenig Gegenliebe gestoßen; und wie auf dem letzten Parteitag von einigen über „die Böller“ hergezogen wurde, muß die Böll-Familie schon als entwürdigend empfunden haben. Aber Lukas Beckmann und Otto Schily haben viel Kredit verspielt, als sie im letzten Jahr plötzlich Einladungsschreiben und einen Satzungsentwurf verschickten. Das Verfahren erweckte den Eindruck, als sollte möglichst schnell etwas festgeklopft werden, und dies empfanden auch Freunde vom „Realo“-Flügel als wenig demokratisch. Das macht den Böll-Leuten bis heute das Leben schwer, obgleich die Initiative jetzt viel offener wirkt.