Der Versuch der Stahlunternehmen an Rhein und Ruhr, sich in einer Art Handstreich von 20 000 Mitarbeitern zu trennen, ist gescheitert. Die IG Metall hat sich dem Versuch, überzählige Stahlarbeiter mit ungewissem Schicksal in eine Stahlstiftung zu entlassen, vehement und offenbar mit Erfolg widersetzt. Ein Sprecher der Gewerkschaft stellt mit Befriedigung fest: „Strukturprobleme mit Massenentlassungen zu lösen, steht zur Zeit nicht zur Diskussion.“

Er ist einer Meinung mit einem prominenten Mitglied der IG Metall – Bundesarbeitsminister Norbert Blüm vertritt dieselbe Auffassung. Aber damit ist nur eines klar, nämlich wie die Schwierigkeiten der von Absatz- und Ertragsproblemen geplagten Branche nicht bewältigt werden sollen. Was aber konkret geschehen kann, das ist nach wie vor umstritten.

Das Traumziel aller Beteiligten ist, für die 20 000 Betroffenen Ersatzarbeitsplätze in anderen Branchen zu schaffen. Aber jeder weiß, daß dies zumindest kurzfristig nicht geht. Als zweitbeste Lösung aus der Sicht der Arbeitnehmer bietet sich an, die Praxis der vergangenen Jahre fortzusetzen. Die Stahlkonzerne müßten sich – wie bisher – im Rahmen großzügig dotierter Sozialpläne von ihren Mitarbeitern trennen. Aber dagegen steht: Die Unternehmen wollen nicht mehr so viel Geld ausgeben, und es gibt auch kaum noch Mitarbeiter, die man nach altem Schema vorzeitig in die Rente schicken könnte. Hauptsächlich auf diesem Weg nämlich waren bisher die Stahlbelegschaften verkleinert worden.

Doch das setzte voraus, daß die Betroffenen mindestens 55 Jahre alt waren. Denn nur für sie war finanzieller Flankenschutz aus Bonn und Brüssel möglich – die Gesamtkosten einer Frühpensionierung haben die Unternehmen in der Vergangenheit allenfalls zur Hälfte getragen. Um so erstaunlicher nun, daß in einem „Diskussionspapier“, das Experten der Stahlunternehmen, der IG Metall und der Arbeitsministerien in Bonn und Düsseldorf erarbeitet haben, die Rede davon ist, für die Hälfte der 20 000 Betroffenen sei eine vorzeitige Pensionierung möglich. Und genauso verwunderlich erscheint, daß plötzlich sechstausend Mitarbeiter in anderen Betrieben der Stahlkonzerne untergebracht werden sollen.

Mit dem bisher angewandten Instrumentarium geht das alles nicht. Aber in ihrer Not haben die Experten beispielsweise herausgefunden, daß man Schwerbeschädigte mit öffentlicher Hilfe schon im Alter von 50 statt 55 Jahren in den Ruhestand gehen lassen kann. Und ernsthaft erörtert wird auch die Frage, ob denn nicht für besonders belastete Berufsgruppen das für die Frühpensionierung nötige Alter auf weniger als 55 Jahre gesenkt werden könnte. Dann werden schließlich noch „Stellvertreter-Lösungen“ erwogen, womit gemeint ist, daß Arbeitnehmer in den nicht zum Montanbereich gehörenden Betrieben der Stahlkonzerne öffentlich unterstützt schon mit 55 in Rente gehen sollen, wenn sie ihren Arbeitsplatz für einen Stahlarbeiter räumen.

Aus 20 000 würden so 4000 – die kleinere Zahl nimmt dem Wort Massenentlassung viel von seinem Schrecken. Aber die Freude über die Entschärfung des Problems wird dadurch getrübt, daß es für die von den Experten skizzierte Lösung eines Zahlmeisters bedarf. Denn was da angepeilt wird, ist mit Sicherheit teurer als das, was in der Vergangenheit praktiziert worden ist. Und die Stahlunternehmen wollen weniger und nicht mehr bezahlen – bei ihnen ist kein Geld zu holen.

Da richten sich die Augen der Sozialpartner beinahe zwangsläufig auf Norbert Blüm, der einerseits die Massenentlassungen nicht will, andererseits aber als Minister Zugang zu öffentlichen Geldern hat. Blüm, so hofft man an Rhein und Ruhr, werde bei Stoltenberg die Mittel loseisen, die man für die Überbrückung der Kluft zwischen Gewerkschaft und Unternehmen braucht. Und man hält es für eine glückliche Fügung, daß eben jener Norbert Blüm seit kurzem Vorsitzender der nordrheinwestfälischen CDU ist und deshalb sein politisches Schicksal enger als bisher mit dem sozialen Frieden an der Ruhr verwoben hat.