Dreitausendsiebenhundertachtundneunzig Meter bis zum Gipfel: Ein Journalist besteigt einen Berg

Von Werner Sonntag

Aus dem Ködnitzkees erhebt sich ein grauer Rücken aus übereinandergeschachtelten Gesteinsbrocken, für mich der Mount Everest. Es ist aber bloß der Großglockner. Ach was, es ist nur der Anstieg zur Erzherzog-Johann-Hütte unterhalb der Glocknergipfel. Immerhin, es ist die höchste Hütte Österreichs, 3454 Meter. Und für mich ist die Adlersruhe, auf der die Erzherzog-Johann-Hütte steht, der höchste Berg, den ich bisher erklommen habe.

Johann Jacob Staffier hat das schon richtig gesehen: „Herrlicher und ergreifender als alles andere ist der Anblick des Großglockner, welcher hier in seiner ganzen Größe vom waldbesaumten Fuße an bis zu den höchsten Zinnen der silberstrahlenden Eiskrone vor Augen steht. In der Umgebung dieses furchtbaren Gebirgsriesen gebieten menschenfeindliche Naturkräfte in voller Schrankenlosigkeit. Sie schütten die Eisströme aus, zerspalten die Felsen, stürzen die Wildbäche herab, und tödten fast jede Vegetation. Umsonst ringt dagegen alles Streben des menschlichen Fleißes.“

Damals, 1844, hatten die Leute noch Respekt. Heute am Berg habe nur ich ihn. Der jüngste Kletterer in dieser Schuttpyramide zur Adlersruhe ist ganze acht Jahre alt, die Schwester ein bißchen älter. Jedoch, es sind die Kinder eines erfahrenen Alpinisten, eines Apothekers aus Ybbs, der auch in der Lage ist, die Kinder am Seil zu sichern. Und selbst sein Hund muß hinauf. Ihn trägt der Bergführer im Rucksack, klaglos – der Hund.

Mein Rucksack ist ohne Hund voll. An ihm baumeln – erstmals – Steigeisen, und die Schlaufe bekommt nun auch ihre Funktion: für den Eispickel. Ich habe noch keine Ahnung, was ich damit machen soll. Zynisch denke ich, in der Gletscherspalte wird mir das schon einfallen. In der Hand habe ich zwei Skistöcke, die mir bei der Überquerung des Ködnitzkees gute Dienste geleistet haben. Jetzt jedoch blockieren sie mir eine von vier Händen, die ich brauchte. Ich muß mich an der Seilversicherung, dem im Fels verankerten Drahtseil, festhalten, den nächsten Griff ertasten, den nächsten Kletterschritt abstützen, ja, und eine Hand hätte ich ganz gern für Unvorhergesehenes in Reserve. Ich verheddere mich mit dem Rucksack, und der Bergführer nimmt mir die Stöcke ab.

Meinem Kollegen über mir perlt der Schweiß hervor. Mit der Kondition habe ich weniger Probleme. Ich kann sogar nach unten sehen – Männlein im Schnee – ohne daß mir schwindlig wird. Daß sich der Großglockner oder das Ködnitzkees vor einem dreht, das darf nicht passieren. Aber ich habe ziemliche Angst. Nicht mal die blöden Witze über Stürze ins Bodenlose fallen mir mehr ein. „Hallo, bist du verletzt?“ – „Weiß nicht, ich falle noch.“