Von Helmut Schmidt

Guckt es Euch ganz ruhig an: ist es nicht wunderbar?" Ja, in der Tat! Das aus einer bunten Zeitschrift herausgerissene Blatt enthielt die Abbildung einer Uferlandschaft von Karl Schmitt-Rottluff, vielleicht aus Dangast oder Hohwacht; sie war flach und grob vereinfacht, aber von den kraftvoll gegeneinander gesetzten Farben ging eine unerhörte Leuchtkraft aus. Wir jungen Leute liebten die Bilder der "Brücke"-Maler. Und Johnny Börnsen hatte recht – er hat auch endgültig recht behalten: Ob "Brücke" oder "Blauer Reiter", ob die Einzelgänger, wie Nolde oder Barlach – der ganze deutsche Expressionismus ist wundervolle Kunst. Sie wird ähnlich wie der französische Impressionismus auch noch nach Jahrhunderten große Kunst sein.

Johnny Börnsen war Lokis und mein Zeichenlehrer in der Lichtwark-Schule zu Hamburg. Er war ein Kunsterzieher aus natürlicher Begabung und Kraft persönlicher Ausstrahlung. Jene kleine Episode mit dem Schmitt-Rottluff stand für hundert andere ähnliche Episoden. Die ganze Schule liebte Börnsen.

Wenn ich es recht bedenke, so habe ich damals sehr viel Glück gehabt: eine Schule, die in ihrem musischen und literarischen Geist der national-sozialistischen Geistlosigkeit widerstand; Verwandte, Freunde meiner Eltern und Eltern meiner Schulfreunde, die mir durch Gespräch und Beispiel halfen, ein eigenes Kunsturteil zu gewinnen; eigene Malerfreunde im Malerdorf Fischerhude – und mein späterer Schwiegervater Hermann Glaser, der als Elektriker die sieben Jahre unfreiwilliger Arbeitslosigkeit zum Malen und zum Musizieren genutzt hat. Ohne diese wahrhaft Erwachsenen, keiner von Ihnen ein Nazi, wäre ich – wie viele der damaligen jungen Leute, die 1933 noch vor oder in der Pubertät waren – wohl selbst erst einmal auch ein Nazi geworden.

Wenn wir, meine Frau und ich, heutzutage Arbeiten von Historikern über die Nazizeit lesen, so sagen wir uns bisweilen: "Mein Gott, der Mann hat ja keine Ahnung – allerdings, woher soll er sie auch haben? Er war ja nicht dabei." Und dann wird uns jedesmal bewußt, daß alle Geschichtsschreibung a posteriori geschieht, aus zeitlichem Abstand, und daß wahrscheinlich alle Augenzeugen die dargestellten Epochen und Ereignisse etwas anders sehen als die Historiker, welche auch aus Quellen schöpfen, die der Zeitgenosse gar nicht gekannt hat.

Trotzdem ärgern wir uns immer ein wenig, wenn heute einige kluge Intellektuelle jüngeren Lebensalters meinen, wir damaligen Zeitgenossen hätten doch wissen können und wissen müssen, daß Hitler und Goebbels und die Nazis Verbrecher waren. Die meisten von uns haben es bis 1937, als unsere Schule aufgelöst wurde und mein Jahrgang vorzeitig aus der Unterprima Abitur machte, nicht gewußt. Obschon wir manche jüdischen Mitschüler hatten, die zumeist nacheinander mit ihren Eltern ins Ausland gingen, und obschon ich selbst einen "nichtarischen" Großvater hatte.

Als ich Ostern 1937 zum Arbeitsdienst eingezogen wurde, war ich gerade 18 Jahre alt geworden, aber gleich anschließend wurde ich zur Wehrmacht eingezogen; erst 1945 kam ich nach Hause. In der Zwischenzeit war ich zwar erwachsen, in der Zwischenzeit hatten wir von all den Verbrechen und von all dem Elend manches gehört – aber nun war das Unglück bereits geschehen.