Von Uwe Prieser

Im Saal hatte sich jede Ordnung aufgelöst. Alles tanzte und schrie durcheinander. Auf der Bühne zogen Prince und seine Gruppe ihre Show ab. Irgendwie mußte sie auf ihren Stuhl gestiegen sein. Es sei wie in einem Traum gewesen, sie habe sich vollkommen frei gefühlt, erzählte Steffi Graf am anderen Tag.

Es war ein windiger, kalter Morgen. Sie mußte trainieren. Lange Güterzüge fuhren schüttelnd über die alten Reichsbahngeleise an der Tennisanlage vorbei Richtung Charlottenburger Bahnhof. Gestern abend sei ihre Jacke durchgeschwitzt gewesen, dabei sei sie nur zwanzig Minuten im Konzert geblieben. Punkt zehn sei sie nach Hause gegangen. Normalerweise ginge sie früher schlafen. "Ich bin jemand, der unheimlich früh aufsteht", sagte sie, "wenn ich länger schlafe, habe ich immer das Gefühl, daß ich etwas verpasse."

So früh am Morgen waren nur wenige auf der Tennisanlage. Steffi Graf wußte noch nicht, daß sie zum zweiten Male diese Internationalen Deutschen Meisterschaften von Berlin gewinnen würde. "Steffi, was machst du, wenn du Wimbledon gewonnen hast", war sie zwei Tage zuvor in einer Pressekonferenz gefragt worden. "Ihr seid alle immer schon viel weiter als ich", hatte sie geantwortet. Die Pressekonferenz war eigens für sie arrangiert worden, damit sie anschließend ihre Ruhe hätte. Ja, sagt Steffi Graf, gewiß gäbe es auch wieder Niederlagen. Schließlich hätte doch niemand gedacht, daß sie so schnell da oben hinkäme. Nein, sagt sie, sie habe keine Ziele. Sie setze sich überhaupt niemals Ziele, sondern versuche immer nur, ihr Bestes zu geben. Niemals war sie über eine Frage erstaunt oder überlegte, was sie antworten sollte. Ihre Antworten kamen wie ihre Returns auf dem Platz. Als gelte es, so schnell wie möglich den Gedanken aus dem Spiel zu nehmen.

"Steffi, stimmt es, daß du gläubig bist?"

"Ich bin katholisch."

"Ich meine –"