Hätten wir acht uns zufällig im Zug gegenübergesessen, vielleicht hätte mir Peter nicht mal ein Hustenbonbon angeboten, und jetzt ruhen wir alle nebeneinander mit geschlossenen Augen auf dem Teppich, murmeln unser „Om shirim“ und versuchen, möglichst lange auszuatmen. Om shirim – der Schmerz im Rücken ist nur eine Idee, die verweht. Alles wird leicht und ich fühle mich wohl. Om shirim: Das Ölbad für die ausgetrocknete Seele.

Hinter dem Namen „Psychohygiene“ verbirgt sich eine solide Einführung in mehrere Entspannungstechniken – eine Blitzkur gegen die moderne Krankheit Streß. Udo Datene ist praktizierender Psychotherapeut. Er leitet die Teilnehmer des Seminars, Geschäftsleute, leitende Angestellte, aber auch Studenten, durch Spiele und Gespräche zurück zu Kindheitsträumen. Zwanzig Stunden lang haben wir gesponnen über das, was wir eigentlich wollen.

„Bitte erwarten sie in diesen Tagen kein Wunder!“ hatte Datene uns gewarnt. „Sie werden sicherlich dieses Seminar nicht als neuer Mensch verlassen.“ Aber als wir acht uns nach dem Seminar wieder voneinander trennen, sind doch kleine Wunder geschehen: die Studentin Susanne, die so schüchtern und bedrückt angereist war, tönt jetzt von ihren Zukunftsplänen. Peter, selbständiger Unternehmer, träumt davon, noch in diesem Frühjahr einen Drachen steigen zu lassen. Und Ulla will sich ab sofort jeden Tag zwanzig Minuten Zeit für sich nehmen.

Ein Drachen oder zwanzig Minuten – kann denn Glück so leicht zu erlangen sein? Datene meint: ja. Der Schlüssel zu einem erfüllten und auch gesünderen Leben liegt für ihn im Kopf. Der Geschäftsmann sei nur dann gestreßt, wenn er die anfallende Arbeit als Belastung sehe: „Lernen wir die Vielzahl von anfallenden Aufgaben als reizvolle Herausforderung zu sehen, so verschwindet das Wort Streß aus unserem Wortschatz.“ Eine veränderte Bewertung des Alltags bringe neuen Schwung und Leichtigkeit.

„Unser Körper wird schwer und warm!“ Eine kleine Kugel sollen wir uns in unserem großen Zeh vorstellen. Die rollt langsam hoch ins Knie, kullert durch den Unterleib hinüber ins andere Bein bis in die Fußspitzen und dann ins Herz, wo sie sich ganz, ganz wohl fühlt, von dort weiter durchs Ohr. Da bleibt sie dann bei Ulla stecken. Wovor will Ulla ihre Ohren verschließen, wird sie beim Kugel-Erfahrungsaustausch gefragt.

Renate hält sich für phlegmatisch, doch als sie ihre Lebenskurve malt, überschlagen sich dort die Wellen. Auf einer Tabelle tragen wir mit kleinen Kreuzen die besonderen Ereignisse unseres Lebens ein. Die positiven auf einer Skala, die bis zum Wert „+5“ reicht, die negativen bis „-5“. Die Blätter werden ausgetauscht, und nun versuchen wir mit Einfühlungsvermögen, die Lebensgraphik des anderen zu deuten. Sylvia kommentiert die Interpretation ihres Lebens nicht. Sie will in diesem Seminar nichts von sich preisgeben. Auch das ist erlaubt. Dietmar hingegen sprudelt los, als ich fälschlicherweise sein „+4-Kreuz“ im 32. Lebensjahr als die Geburt eines Kindes deute.

Unsere Gruppe ist ein zufällig zusammengewürfelter Haufen. Wir kannten uns vorher nicht. Die Altersspanne von 24 bis 47 bereitet uns keine Schwierigkeiten. Geplant sind aber auch Seminare für homogene Gruppen, für Gruppen zum Beispiel, die seit Jahren zusammen in einer Firma arbeiten und deren eingefahrenes Rollenverhalten gelockert werden soll.