Westerland/Sylt

Sylt ist ja immer für Geschichten gut, jeder Ort auf seine Weise. In Wenningstedt bricht wieder mal ein Stück Insel ab, in Rantum wird nach Mineralwasser gebohrt, in Westerland fallen die Punks ein und holen den Urlaubern die Schnitzel vom Teller. Gut – das alles ist gewesen, Sand von gestern, wollen wir nicht mehr darüber reden, es ist auch gar nicht nötig. Denn Sylt sorgt gleich zu Beginn der neuen Saison für neue Geschichten. Die erste liegt schon zwei Wochen zurück, erst jetzt aber haben nordwestliche Winde uns Details zugetragen.

Zunächst das harte Faktum: Nach sechsjähriger Tätigkeit ist der Kurdirektor Doktor Johannes Schmidt fristlos entlassen worden. Dies steht fest, daran kann nicht gerüttelt werden. Verläßlich scheint auch die Information, ein Gerichtsvollzieher habe dem Geschaßten die Botschaft überbracht; er darf die Kurverwaltung nicht mehr betreten. Hundertprozentig sicher ist ansonsten nur, daß Bürgermeister Volker Hoppe jeden Kommentar verweigert. Und der Ex-Kurdirektor – steht schon nicht mehr im neuen, gerade ausgelieferten Telephonbuch, so daß ihn zu fragen bereits an der fehlenden Nummer scheitert.

Ein Strandkorb des Schweigens scheint über die Stadt gestülpt, und nur undeutlich dringen Einzelheiten darunter hervor. So gelang Westerland eine Art Jubiläum, weil genau zehn Jahre vor der Entlassung Schmidts schon einmal ein Kurdirektor fristlos gefeuert wurde: Hans Petersen, auf Sylt noch gut bekannt als „Hansi P.“ Ihn könnte man nach seinen Erfahrungen fragen, ist er doch als „Kurdirektor“ selbst im neuen Telephonbuch noch ausgewiesen.

Auch ist zu hören, daß Peter Douven, der Stellvertreter Schmidts, keine 30 Jahre alt, jetzt die Amtsgeschäfte führt und Schriftstücke schon ganz selbstbewußt mit „Kurdirektor“ unterzeichnet. An Kurdirektoren ist in Westerland also kein Mangel, was ganz wichtig scheint, jetzt wo es wieder richtig losgeht auf Sylt, und ein Kurdirektor muß ja immer überall dabeistehen und lächeln.

Das Lächeln ist dem Bürgermeister schon zu Silvester vergangen: Da war Schmidt in Urlaub, und an einem Tag standen die Urlauber vor den verschlossenen Türen des Kurmittelhauses. Nix Massage, nix Fangopackung. Da haben die sich natürlich gefragt, wofür sie ihre Kurtaxe bezahlen. Und die Kurtaxe wollte der Kurdirektor dann auch noch erhöhen und hat sich dazu geäußert, ohne sich mit der Stadtverwaltung abzustimmen. Das hat ihm der Bürgermeister übelgenommen, der von Natur aus ein gespanntes Verhältnis zur Institution des Kurdirektors haben muß, weil er dessen Vorgesetzten ist, aber weniger verdient. Die Spekulation von Bild („Kurdirektor gefeuert: Trotzdem 8000 Mark Monatsgehalt?“) wird ihn sehr gefuchst haben. Ob oder ob nicht 8 000 Mark – das müssen Gerichte entscheiden. Ein erster Termin ist für Anfang Juli vor dem Arbeitsrichter in Husum anberaumt. Schmidt übrigens war, bevor er nach Sylt kam, Vorstandsmitglied der Berliner Wasserwerke. Dort wurde sein Vertrag nach fünfjähriger Dauer wegen ständiger Querelen nicht verlängert. „Wasser allein genügt für Sylt nicht, das hat auch dieser Fall wieder einmal in aller Deutlichkeit gezeigt“, murmelt es unter dem Strandkorb des Schweigens hervor. U. S.