Aus ökonomischer Sicht sind die Millionen für die Sonnenblumen in Ordnung

Von Michael Hutter

Für 22,5 Millionen Pfund, umgerechnet rund 66,5 Millionen Mark, kaufte am 30. März dieses Jahres die japanische Yasuda-Versicherungsgruppe den Erben von Edith Beatty eine 1889 gemalte Version von Vincent van Goghs „Sonnenblumen“ ab. Die Folge ist ein nicht enden wollender Chor empörter Kommentare. „Unvernünftige Preise“, schilt John Russell in der New York Times. Joachim Riedl sieht in der ZEIT (siehe ZEIT Nr. 22) die Kunstläufer als „Spielball eines weltweiten Medienzirkus“, und ein Leserbriefschreiber verurteilt „die betuchten Hysteriker, die ihrer Besitzgier freien Lauf lassen“.

Den Wirtschaftswissenschaftler darf diese Debatte nicht kalt lassen. Schließlich gehört es zu seinem Metier, die Preissignale einer Wirtschaft zu erklären. Wie steht es also mit diesen Millionen für ein Bild? Ist das ein unvernünftiger, ein pathologischer Preis? Ist er für nichts weiter Signal als für die hysterische Reaktion eitler Ignoranten, die den Kunstmarkt kaputtmachen?

Analysiert man die Ursachen, die bei der Entstehung von Preisen üblicherweise eine Rolle spielen, nach den Regeln des Ökonomenhandwerks, dann liegen 22,5 Millionen Pfund für ein 1,76 Quadratmeter großes Ölbild durchaus im Rahmen des zu Erwartenden. Mehr noch: Wir werden uns bald an ähnliche Verkaufsergebnisse gewöhnen müssen.

Die Ursachen, die es zu untersuchen gilt, gliedern sich lehrbuchmäßig in Faktoren der Nachfrage, Faktoren des Angebots und Eigenheiten des Zuteilungsmechanismus. Die Nachfrager für Tafelbilder waren lange Zeit eine einigermaßen des mogene Gruppe: Vertreter großer Museen und reiche Sammler aus Europa und Nordamerika trafen sich regelmäßig bei den einschlägigen Veranstaltungen. Seit wenigen Jahren tritt eine neue Gruppe auf: japanische Museen und Sammler. In Japan ist der Markt für westliche Malkunst noch ungesättigt. Das bedeutet, daß vor allem Nachfrage nach Werken der höchsten Qualitätsstufe besteht – nach „alten Meistern“ und „Klassikern“.

Ein zweiter Faktor verstärkt die Kaufkraft der neuen pazifischen Kunstkonsumenten. Nicht Individuen, sondern große Wirtschaftsunternehmen treten als Nachfrager auf. Yasuda Fire and Marine Insurance ist Japans zweitgrößtes Versicherungsunternehmen, und Yasuda ist typisch für die neuen japanischen Sammler. Banken und Versicherungen haben aufgrund der Abstraktheit ihrer Tätigkeit einen erhöhten Bedarf an Imagebildung – in Europa und den Vereinigten Staaten ebenso wie in Japan. Kunstwerke leisten heute noch genauso gute Repräsentationsdienste wie zu Zeiten der barocken Duodezfürsten.