Von Hans Schuh

Ein vierstelliger Zahlencode öffnet die Schleuse zum Hochsicherheitstrakt des Tierlabors der Wiener Pharmafirma Immuno AG in Orth an der Donau. Dort sitzen in Einzelkäfigen sechs Schimpansen, die für Aids-Forscher von großem Interesse sind: An ihnen wird die Wirksamkeit eines neuen, gentechnisch gewonnenen Impfstoffs gegen Aids erprobt. Sollte dieser Test positiv ausfallen, dann wird die Immuno AG noch in diesem Jahr in der Bundesrepublik und anderen Industriestaaten die Erlaubnis für erste Impfversuche am Menschen einholen.

Pfleger und Besucher dürfen sich den Tieren nur in einer luft- und wasserdichten Schutzkleidung nähern, die an Taucher- oder Astronautenanzüge erinnert. Über einen langen Schlauch, der in jedem Raum des Sicherheitstraktes neu an Preßluftleitungen anzuschließen ist, strömt rauschend Atemluft in den dichten, schweißtreibenden Plastikanzug. Obwohl die Schimpansen nur einen Gesichtsausschnitt hinter dem Visier der Plastickapuze wahrnehmen können, erkennen sie sofort, ob in der aufwendigen Hygienepackung ein vertrauter Pfleger oder ein Fremder steckt.

Ein Tier rüttelt aufgeregt an den dicken Aluminiumrohren seines etwas zwei mal zwei Meter großen und vier Meter hohen Käfigs, ein Weibchen zeigt verängstigt in Demutshaltung sein Hinterteil, ein anderes schreit bellend. Physisch wirken die Tiere gesund, keine Spur von Krankheitssymptomen. Die extrem teuren und seltenen Schimpansen sind für die Firma ein unschätzbares Kapital und werden gehütet wie Augäpfel.

Auch in den USA, an den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH) in Bethesda, dienen Schimpansen als Versuchstiere. Die Affenforscherin Jane Goodall hat das NIH-Labor ergreifend beschrieben. Sie, die über Jahrzehnte hinweg das komplexe Verhalten von Schimpansen in freier Wildbahn studiert hat, war schockiert beim Anblick der Affen. Nie mehr, so schrieb sie Mitte Mai im New York Times Magazine, werde sie die in engen, nackten Käfigen eingepferchten Schimpansen vergessen. Die Augen der in tiefe Depression versunkenen Tiere hätten sie an die starren Augen eines Jungen erinnert, der bei Kämpfen in Burundi seine ganze Familie verlor. "Nur wer die wahre Natur der Schimpansen einigermaßen kennt, kann die Grausamkeit solcher Käfighaltung voll verstehen", schrieb sie.

Der Vorstandsvorsitzende der Immuno AG, Dr. Hans Eibl, kennt Jane Goodall. "Sie war auch hier bei uns, hat sich die Schimpansen angesehen und war positiv beeindruckt von den Haltungsbedingungen", versichert er. Die Tiere machten zwar keinen apathischen Eindruck, doch die Haltung in Einzelkäfigen ist sicher eine Belastung für sie. Der Leiter des Tierlabors, Dr. Gerald Eder, begründet die aufwendigen Hygienemaßnahmen mit einem theoretischen, aber nicht völlig auszuschließenden Infektionsrisiko. Die Gefahr, etwa durch den relativ dünnen Gummihandschuh hindurch gebissen zu werden, sei vor allem für unvorsichtige Besucher von Bedeutung.

Vorläufig sind erst zwei der Affen geimpft und zwar mit Bruchstücken aus der Aids-Virushülle, die alleine nicht vermehrungsfähig sind. Nach menschlichem Ermessen sollten die Tiere also nicht infektiös sein. Noch ist kein Tier mit aktiven, vollständigen Aidsviren infiziert. Dies soll erst später erfolgen, um die Wirksamkeit der Impfung zu prüfen.