Zu besonderen Anlässen manikürt Ursi Dünnwald-Metzler ihre Fingernägel mit blauem Lack, und auf dem Nagel des kleinen Fingers an der linken Hand funkelt ein kostbarer Diamant. Ursi Dünnwald-Metzler ist die Gattin eines Fußball-Präsidenten, des Präsidenten der Stuttgarter Kickers, und Blau ist in diesem Fall weder Modefarbe noch Zustand, sondern Philosophie.

Am kommenden Samstag bestreiten die Kickers, zweitklassig und in dieser Klasse nur Mittelmaß, das Endspiel um den Deutschen Fußball-Pokal gegen den Hamburger SV. Als Rainer Holzschuh, der Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes, kürzlich bekanntgab, daß die Fans beider Mannschaften im Berliner Olympiastadion in gegenüberliegenden Kurven placiert würden, löste dies im Umfeld der Stuttgarter Kickers ein Schmunzeln aus. Die Herren vom DFB wissen offenbar nicht, daß die Anhänger der „Blauen“ aus Stuttgart auf der Haupttribüne Platz nehmen und nicht in der Stehkurve. Kickers-Fans sind nicht wie andere Fans: sie tragen keine blauen Mützen und keine selbstgestrickten Schals, sie schwingen keine Fahnen und haben keine Klubembleme auf ausgefranste Jeans-Jacken genäht.

Ausschreitungen auf dem Kickers-Platz? Unvorstellbar! Als im Pokal-Halbfinale Fans des Gegners, der Düsseldorfer Fortuna, den Rasen stürmten und der Schiedsrichter deswegen die Begegnung für fünfzehn Minuten unterbrechen mußte, waren Ordnungskräfte und Polizei ebenso verblüfft wie das heimische Publikum. Wo gibt’s denn so was? Überall, bloß bei den Kickers nicht.

„In unserem Verein“, sagt Präsident Axel Dünnwald-Metzler, „ist der gehobene Mittelstand zu Hause.“ Solide, rechtschaffen, fleißig, stilvoll und wohlhabend. Schwaben halt.

Die typischen Kickers-Zuschauer binden die blaue Krawatte um, wenn sie zum Fußball gehen. Doch nicht nur die korrekte Kleidung würde einem Theaterabend jederzeit standhalten, auch die gedämpfte Atmosphäre vor dem Anpfiff ähnelt viel mehr spannungsvoller Erwartung erster Takte eines Karajan-Konzerts als stürmischer Torejagd. Man diskutiert vor dem Anpfiff im Flüsterton.

„Es wurde Tradition“, so steht es in der Chronik des 1899 gegründeten Vereins, „den Sport in anständiger Weise zu betreiben und sein Wesen und seine Auswirkung stets von höherer Warte zu betrachten.“ Besonders letzteres gelingt den Kickers vortrefflich und ungeachtet ihres sportlich minderwertigen Stellenwertes, wenn es um die Rivalität mit dem VfB Stuttgart geht. Der Zufall bescherte ihnen auch noch die entsprechende topographische Lage. Hoch oben über dem Stadtkessel, wo der Fernsehturm stolz aus den Wäldern herauswächst, sind die „Blauen“ in Degerloch zu Hause. Mitten im grünen Naherholungsgebiet und am Rand einer der vornehmen Wohngegenden Stuttgarts. Nicht ein einziger Wegweiser führt Ortsunkundige zu dem kleinen, nur 15 000 Mann fassenden Stadion. Wer den Schildern mit dem Ball als Stadionsymbol folgt, landet natürlich vor der 70 000-Zuschauer-Arena des Bundesligisten VfB Stuttgart drunten im Tal jenseits des Neckars. Dort ist Industrie mit Lagerhallen und Produktionsstätten angesiedelt, das Kraftwerk in Gaisburg nicht weit, und nebenan in Untertürkheim produziert und organisiert Daimler-Benz.

Die Kickers und den VfB trennt nicht nur der Klassenunterschied einer Fußball-Liga, zwischen den Höhen Degerlochs und den Niederungen des Wasens liegen Welten. Wer die Neckarbrücke zum VfB-Spiel überquerte, galt unter den „Blauen“ lange Zeit als Verräter. Als der Zweitligist 1981 wegen Renovierungsarbeiten im Kickers-Stadion mit seinen Heimspielen ins Neckarstadion ausweichen mußte, drohte dem Klub der finanzielle Kollaps. Die sonst so treue Gefolgschaft kam nicht.