Ein kleines Dorf in Jugoslawien lockt immer mehr Pilger an

Von Ulrike Rudberg

Vor dem Pfarrhaus haben sich mehrere hundert Gläubige versammelt: junge und alte, gesunde und kranke. Viele schließen die Augen und meditieren, den Rosenkranz in den Händen. Eine Amerikanerin steigt die Treppenstufen hinauf und beginnt laut zu beten, die Gemeinde fällt leise ein. Plötzlich, als die untergehende Sonne hinter den Kirchtürmen zu verschwinden droht, entsteht Unruhe: Ist da nicht, mitten im gleißenden Licht, ein Zeichen zu erkennen?

Es ist 18.40 Uhr – der Zeitpunkt, zu dem täglich die Gottesmutter in Medjugorje den „Sehenden“ erscheint. Mit einigen Priestern und Auserwählten warten sie drinnen im Pfarrhaus darauf, die neueste Botschaft zu empfangen. Einige Minuten später öffnet sich die Tür: Marija Pavlovic (22) und Jakob Colo (15) verharren einen Augenblick, dann hasten sie zur Kirche hinüber. Hände versuchen, sie zu halten oder wenigstens zu berühren.

Das kleine Dörfchen Medjugorje in Südjugoslawien ist seit sechs Jahren ein Wallfahrtsort für Hunderttausende von Pilgern geworden. Seitdem am 24. Juni 1981 dort erstmals sechs Hirtenkindern bei der Suche nach verirrten Schafen die Jungfrau Maria erschienen ist, strömen täglich Scharen von Italienern, US-Bürgern, Deutschen und zahlreichen anderen Nationen in diese arme Gebirgsgegend. Und das, obwohl die katholische Kirche die Marienerscheinung bisher nicht anerkannt hat. Obwohl der Bischof von Mostar jede organisierte Pilgerfahrt verbietet. Medjugorje hat ein Eigenleben entwickelt.

Die Beichte auf der Wiese

„Wo liegt Jugoslawien? Wo liegt Medjugorje, und wie kommt man dorthin?“ Diese Frage muß der Vertreter des jugoslawischen Tourismusverbandes in New York täglich hundertmal beantworten. 90 Prozent aller Telephonanrufe, die ihn erreichen, betreffen dieses kleine Fleckchen in den Bergen der Herzegowina, rund 50 km von Mostar entfernt. Das Touristikunternehmen hat Anweisung erhalten, Nachfragen zu beantworten, jedoch keine Propaganda zu betreiben. Der jugoslawische Staat verhält sich zurückhaltend: Marienerscheinungen im Sozialismus?