Von Dietrich Strothmann

Frankfurt, im Juni

Welch ein Kirchentag – dieses 22. Treffen der Protestanten in Frankfurt: Unter der Losung "Seht, welch ein Mensch" – dem Pilatus-Wort über den zum Tode verurteilten Jesus – schlugen sie ein weiteres Mal alle vermuteten Rekorde an Teilnehmerzahl (150 000) und Veranstaltungsangeboten (3000). Und sie straften wiederum all jene Lügen, die entweder einen durch und durch politischen Kirchentag prophezeit hatten oder – umgekehrt – einen bloß frommen, "friedlichen", eben einen angepaßten. Kirchentage wären schon immer anders als erwartet.

So hätten etwa die fundamentalistischen Bekenntnis-Christen, die schon seit Jahren diese von Laien für Laien organisierte Zusammenkunft boykottieren, jene vielen tausend Jugendlichen beobachten sollen, die in den fünf Frankfurter Tagen an den über hundert Gottesdiensten teilnahmen, sich an den regelmäßigen, anspruchsvollen Bibelarbeiten beteiligten und in der riesigen "Halle der Stille" beteten und meditierten. Wo sonst noch in solcher Zahl und mit solchem Engagement wird Frömmigkeit und Glaubenseifer praktiziert?

So hätten sich aber auch all jene, die eine Wiederkehr traditioneller Kirchentreue und purer Bibelfestigkeit herbeireden, eines Besseren belehren lassen können, wären sie Zeuge gewesen, wie Protestanten zu Zehntausenden an hochpolitischen und strikt wissenschaftlichen Vortragsdiskussionen zuweilen stürmischen Anteil nahmen. War etwa jemals bei Parteitagen oder Fachkongressen ein ähnliches Maß an Interesse und Zuspruch anzutreffen? Kirchentage machen vieles möglich.

Auf dem Frankfurter Messegelände war die Bethalle jeden Tag überfüllt, oft wegen des Andrangs sogar vorübergehend geschlossen. Zu den Bibelarbeiten, die bereits am frühen Morgen angesetzt waren, zogen junge und ältere Protestanten, oft nach nur kurzer Nacht, in langen Kolonnen von weit her durch die große Stadt. In den weiträumigen Hallen saßen sie dann hellwach oder in sich versunken, machten sich Notizen. Der Prediger hatte das Wort. Eine glaubensferne, bibellose Gesellschaft, von der frömmelnde Unheilsapostel daherreden?

Oft bis auf den letzten Platz besetzt waren die Ausstellungsräume ebenso, wenn der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine und der CDU-Bundestagsabgeordnete Volker Rühe ihre Klingen beim Thema Abrüstung kreuzten; wenn Otto Reinhold, der Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim SED-Zentralkomitee, mit dem Altbischof Albrecht Schönherr aus Ost-Berlin zum ersten Mal öffentlich (noch dazu auf westlichem Terrain) diskutierte; wenn über Arbeitslosigkeit, den Historikerstreit, die fällige Aussöhnung mit der Sowjetunion, über Aids, die Apartheid, die Situation der Frauen oder über ein Friedenskonzil der Weltkirchen debattiert wurde. Auch da machte das Publikum energisch mit, stellte Fragen, stimmte lauthals zu, lehnte emphatisch ab. Eine problemmüde, erfolgsgesättigte, den Nöten gegenüber gleichgültige Gesellschaft, wie es "Zeitgeist"-Propheten in die Welt setzen?

Wer die evangelischen Kirchentage seit den fünfziger Jahren kennt, ihre angebliche "Politisierung" verfolgt, ihre standfeste Besinnung auf die Bibel registriert hat, dem jagte der zuweilen jahrmarktähnliche Trubel und sportplatzgewohnte Jubel keinen Schauder mehr ein. Kirchentage sind auch Welttage, waren es von Anfang an, nach den Schrecken des Krieges, als sie noch gesamtdeutsch veranstaltet wurden und auch dazu dienten, sich wiederzusehen, zwischen Leipzigern und Münchnern. So blieb es auch nach der vollzogenen Teilung, erst recht, als die Oberen in Staat und Kirche auf den Druck der gläubigen Basis hin nach neuen Antworten auf neue Fragen suchen mußten.

"Evangelische Zeitansage" sollten seitdem Kirchentage sein. Gelegentlich haben sie diesen Anspruch erfüllt, ihn zuweilen auch verfehlt; einiges wurde mühsam erreicht (Podium auch der Andersdenkenden, Querdenkenden), vieles blieb auf der Strecke (Kirchenform, Versöhnung mit den Evangelikaien, manche politischen und sozialen Zielsetzungen). Kirchentage waren ebenso oft in Versuchung gewesen, zuviel auf einmal zu wollen, zu vielen zuviel abzuverlangen. Noch so schöne, treffende Worte änderten wenig oder nichts, noch so berechtigte Forderungen blieben Papier.

Das zeigte sich auch in Frankfurt wieder bei Johannes Rau, der bildhaft formulierte, der Kirchentag sollte "Brücken bauen statt Brückenköpfe", bei Erhard Eppler mit seiner eigenhändig geschriebenen Klagekantate "zwischen Sintflut und Regenbogen". Selbst warnende und mahnende Appelle, wie die von Heinrich Albertz oder dem Erfurter Propst Heino Falcke werden, wie so oft, sang- und klanglos verhallen: "Werden wir endlich wieder festen Boden finden unter unseren Füßen?" (Albertz) – "Der Kirchentag ist ein Fest. Wir feiern ihn. Wir sind da eher high als down. Das Tanzen liegt näher als das Trauern" (Falcke). Beide hatten zur Losung des Frankfurter Protestantentreffens gepredigt, Bezug genommen auf das erstaunte Wort des römischen Gouverneurs Pilatus über den gegeißelten Jesus, der vor ihm stand und ans Kreuz sollte.

Die Hoffnung Allan Boesaks, Präsident des Weltbundes der Reformierten aus Kapstadt, das himmlische Jerusalem müsse bereits jetzt auf Erden Wirklichkeit werden, bleibt eine Hoffnung. Zwischen Himmel und Erde liegen Welten. Doch wer die Hoffnung verliert, zitierte der DDR-Schriftsteller Günther de Bruyn seinen Lieblingsautoren Jean Paul, verliert alles. Auch die verschiedenen Resolutionen, ob über die Bankenverbindungen der Kirchenleitungen im Fall Südafrikas, über Bayerns Aids-Zwangsbestimmungen oder über eine "frauengerechte Sprache des Kirchentagspräsidiums", werden ebensowenig bewirken. Kirchentage waren neben anderem oft Probierwerkstätten für neue Ideen, Paukböden für gegensätzliche, widersprüchliche Ansichten. Frankfurt machte da keine Ausnahme; Berlin, wo in zwei Jahren der 23. Kirchentag stattfinden soll, wird es ebensowenig sein.

Und bis dahin? Was hilft der Kirche der Kirchentag, der nicht ihr Tag ist, nicht von ihr organisiert und verwaltet wird, vor allem aber nicht für sie repräsentativ ist? Zu wenig ist in den Jahrzehnten dieser Kirchentage von ihnen ausgegangen auf die Kirche selber, zu viel ist verpufft. Die "alte" Kirche ist durch sie nicht viel frischer, moderner, zeitgemäßer geworden, weniger jedenfalls als erwartet, wo doch viele an der Spitze der Kirche, von ihren Mitarbeitern, vor allem ihren Mitgliedern stets an den Protestantentreffen aktiv beteiligt sind.

Kirchentage waren immer nur Sonntage der Kirche. Ihr Alltag sieht anders aus: leere Gotteshäuser, sinkende Tauf- und Trauungszahlen, eine ansteigende Austrittskurve. Darüber war in Frankfurt wenig zu hören, damit Schemen sich beide – die Festtags- und Alltagsgemeinde – abgefunden zu haben.

"Hat Gott Ohren?" hieß es bei einem Werbestand der "Jugend für Christus" auf dem von über 600 unterschiedlichen Gruppen vollgepackten "Markt der Möglichkeiten". Nicht einmal die Kirchenfürsten und die Kirchenvorstände haben, so ist der Befund seit langem, Ohren, um zu hören, was Kirchentage in Bewegung setzen wollen. Jugendliche waren es auch diesmal wieder, die in Diskussionen "mehr von der Kirche erwarten", die "wissen wollen, was wir tun sollen".

Vor einem anderen Marktstand, Abteilung "Beratung und Seelsorge", war ein Holzgestell aufgestellt, mit der plakativen Aufforderung: "Wenn Du einen Menschen sehen willst, bitte hier öffnen!" Doch wer der Aufforderung folgte, der sah in einen Spiegel und erblickte nur sich selber – nicht den, um des es hauptsächlich ging: den anderen, der arm ist, Not leidet, oder den, der etwas zum Guten, Besseren verändern kann. Kirchentage sind häufig auch Selbstbespiegelungen, Eigenveranstaltungen: Seht, was wir können, was wir uns zutrauen!

Unvergessen sind aber gleichfalls die entgegengesetzten Bilder: der Helfer, der sich in der Halle, wo über das Thema "Sind 42 Jahre genug?" geredet wird, eifrig Notizen macht und währenddessen die Hand seines Schützlings hält, eines körperlich und geistig Behinderten, der neben ihm im zurückgeklappten Rollstuhl liegt und vor sich hinlallt. Oder die Anteilnahme der vielen tausend Jugendlichen im Waldstadion am Abendmahl. Oder die betenden Mädchen in der "Halle der Stille", die später fröhlich vor dem nächsten Wurststand Schlange stehen. Oder die eifrig mitschreibenden Jungen während eines komplizierten Vortrags der streitbaren, umstrittenen Theologin Dorothee Solle über den "leidenden Gott", die dann am späten Abend zu den Rhythmen einer rockigen Beatmesse begeistert in die Hände klatschen.

Auch das war Kirchentag in Frankfurt – nach den Abschiedsworten der verantwortlichen Präsidentin Eleonore von Rotenhan "weder nur politisch, noch nur fromm, sondern vor allem freundlich". Er war allemal und zum Glück auch fröhlich.