Von Matthias Glaubrecht

Sein Name steht für Brutparasitismus par excellence: Der Kuckuck legt etwa zehn Eier in zehn verschiedene Nester und sichert so die Erhaltung seiner Art. Er überläßt die Sorge der Aufzucht den Wirtsvögeln, die die Kuckuckseier auf Kosten des eigenen Nachwuchses ausbrüten und Mühe haben, den Heißhunger des kleinen Schmarotzers zu stillen. Und der Dank? Je erfolgreicher die Wirte den Kuckuck aufziehen, desto eher werden sie wieder heimgesucht. Der Jungkuckuck merkt sich bereits im Nest das Aussehen seiner Zieheltern, so daß er diese Vogelart später meist unfehlbar wiedererkennt. Die Eier legen die Kuckucksweibchen dann normalerweise bevorzugt bei "ihrer" Wirtsvogelart ab.

Zumindest einige der Wirtsvögel wissen sich jedoch zu wehren: Meister in der Abwehr ist – das entdeckte man bereits vor Jahren – ein kleiner, braun gefiederter Singvogel. Der Sumpfrohrsänger hackt das ihm untergeschobene Kuckucksei zielsicher an, um es mit dem kleinen Schnabel fassen zu können, und wirft es kurzerhand aus dem Nest.

Letztlich sollen die Singvögel selbst schuld an ihrem Schicksal sein. Das jedenfalls glaubt Professor Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung in München. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie dieser kuriose Brutparasitismus entstanden sein könnte. Seiner Ansicht nach ist die Evolution des ungewöhnlichen Fortpflanzungsverhaltens eng mit der Nahrungsökologie des Kuckucks und der Differenzierung der Singvögel im Miozän vor rund 20 Millionen Jahren korreliert. Genau die Vögel, bei denen der Kuckuck jetzt schmarotzt, so Reichholf, ließen ihn erst zum Brutparasiten werden. Die sich in erdgeschichtlich jüngster Zeit rapide entfaltenden Singvögel haben den Kuckuck ins ökologische Aus getrieben und ihn gleichsam zum Schmarotzertum gezwungen.

Kuckucke ernähren sich in der Hauptsache von dicht behaarten Raupen und von zum Teil auch unbekömmlichen, ja sogar giftigen Schmetterlingen. Reichte man ihnen allerdings im Wahlexperiment auch andere Insektenbeute, so bevorzugten sie keinesfalls jene behaarten Raupen. Offenbar frißt der Kuckuck nach Angebot, da die behaarten Raupen von den meisten Singvögeln verschmäht werden und ihm daher zahlreicher zur Verfügung stehen. Einzig der Kuckuck ist, in Anpassung an diese haarige Kost, in der Lage, seine Magenauskleidung mitsamt den darin feststeckenden, giftigen Raupenhaaren abzuheben und von Zeit zu Zeit auszuwürgen.

Reichholf vermutet nun, daß der unspezialisierte, im Vergleich zu den insektenfressenden Singvögeln viel größere Kuckuck einfach nicht genügend von den "gut schmeckenden" Insekten abbekommt, weil diese von den flinken Singvögeln erbeutet werden. Die nahrungsökologische Konkurrenz von Stelzen, Pipern, Laubsängern und Ammern könnte das für den Kuckuck verwertbare Speiseangebot so weit vermindern, daß er auf giftige Falter und behaarte Raupen angewiesen ist. Und möglicherweise reicht diese Nahrung zwar für das Überleben der Altvögel aus, nicht aber für die Jungenaufzucht. Um dem Jungkuckuck die fürihn ungenießbaren haarigen und giftigen Futterhäppchen zu ersparen, landen die Kuckuckseier in fremder Vögel Nester.

Die Familie der Kuckucke ist alt, die "Erfindung" des Parasitismus dagegen jüngeren Datums und dabei keineswegs einmalig. Während der europäische Kuckuck (Cuculus canorus) als obligatorischer Brutschmarotzer berüchtigt ist, kümmern sich andere Mitglieder der Kuckucksfamilie durchaus auch selbst um ihren Nachwuchs. Die wenig spezialisierten Cuculiformes hatten in den feuchten Wäldern des Miozäns als primäre Insektenfresser und Baumvögel einst keine Konkurrenz, solange es noch keine Singvögel gab.

Das änderte sich freilich, als sich dann vor rund 20 Millionen Jahren die Singvögel zu entfalten begannen, die aufgrund kleinerer Körpergröße, spezialisierten Körperbaus und besserer Flugtechniken ungleich effektivere Insektenfresser sind. Für die Vorfahren unseres Kuckucks wurden die neuen Konkurrenten schließlich zum entscheidenden Selektionsdruck: Während einige Kuckucksverwandte, etwa die Turakos, zunehmend auf Früchte als Hauptnahrung umstiegen, wichen die echten Kuckucke auf die für Singvögel nicht zu bewältigenden Insekten mit harten Panzern oder Haaren aus. Gleichzeitig wurden sie aus den Wäldern in die offene Landschaft abgedrängt. Selbst die Kuckucksarten, die noch brüten, leben heute in den tropisch-subtropischen Savannen und ernähren sich und ihre Jungen von diesen "unbekömmlichen" Insekten; in derartige ökologische Randbereiche verdrängt, überlebten die tropischen Kuckucksverwandten oft nur dank ihrer Fähigkeit zum kommunalen Brüten in Familienverbänden, bei dem die älteren Schwarmmitglieder bei der Aufzucht der jüngsten helfen müssen.

Für den Kuckuck spitzte sich die Konkurrenz durch die Singvögel zu, als er die insektenreichen, sommergrünen Laubwälder der gemäßigten Breiten besiedelte, wo auch die Singvögel ihre größte Formenmannigfaltigkeit erreichten. Hier finden die Vogelforscher dann nur noch die parasitischer. Kuckucksarten.

In Singvogelnester gelegte Eier hatten gegenüber dem aufwendigen Versuch, selbständig Junge großzuziehen, für den Kuckuck Vorteile. Besondere Bedeutung kommt dabei aber vor allem der Suche der Kuckucksweibchen nach den Nestern der Singvögel zu; viele Forscher nehmen an, daß sie dies primär taten, um die Eier zu fressen. Anfangs also war der Kuckuck eine diebische Elster!

Nur die Weibchen übrigens fressen Eier; das aber in erheblichen Mengen. Mit dieser hochwertigen Kost deckt das Kuckucksweibchen im Frühjahr, wenn wenig andere eiweißreiche Speise zur Verfügung steht, seinen Proteinbedarf. Der Kuckuck nimmt stets zuerst ein Ei aus dem Wirtsvogelnest und verschluckt es, bevor er sein eigenes Ei hinzulegt. Das Eierfressen scheint demnach eine zentrale Rolle in der Evolution des Brutparasitismus zu spielen. Damit hatten die Kuckucke eine wirkungsvolle Alternative zur eigenen Jungenaufzucht entdeckt, die zudem den entscheidenden Vorteil hat, daß die Jungkuckucke auf diese Weise doch in den Genuß einer qualitativ besseren Nahrung kommen. Gefüttert nämlich werden sie von den Wirtsvögeln mit genau der Kost, mit der sie die eigenen Eltern nicht hätten versorgen können.

Der Preis dieser Überlebensstrategie: Kuckucke müssen selten genug bleiben, um sich mit einer Überbeanspruchung der Wirtsarten nicht selbst auszulöschen. Der Brutparasitismus ist daher eine evolutionär stabile, aber keine optimale Strategie. Um genügend potentielle Wirtsvogelnester zu finden, müssen die Kuckucke ein festes Brutrevier aufgeben und im Frühjahr regelmäßig ein größeres Gebiet absuchen. Immerhin kann der Kuckuck – da er sich um den Nachwuchs nicht selber sorgen muß – so auch mehr Eier als seine Wirte produzieren und damit die Zahl der Nachkommen und die eigene Fitneß erhöhen. Auf diese Weise erreicht der Kuckuck das Nachwuchspotential kleiner Singvögel; mit dem Unterschied allerdings, daß die Überlebenschance der Kuckucksjungen weit über jener der Singvogeljungen liegen dürfte.

Voraussetzung allerdings ist, daß die Eier von den Wirtsvögeln auch bebrütet werden und das geschlüpfteJunge gefüttert wird. Letzteres erreichte der Kuckuck im Laufe der Evolution durch das bekannte Herausrollen der Eier oder der Jungen der Wirtsarten. Nur so kann er sicher Sein, daß schließlich alle Insektenbeute der Wirte in seinen Rachen gestopft wird.

Während die überwiegende Mehrzahl der Wirtsvögel des europäischen Kuckucks dem Brutschmarotzer ohne wirksame Gegenwehr gegenübersteht, scheint sich allein der Sumpfrohrsänger nicht mit seinem Schicksal abzufinden. Dies ist insofern erstaunlich, als es eines erheblichen Fitneß-Verlustes bedarf, bevor sich Gegenmaßnahmen der Wirte in einer Population manifestieren. Nur wenn die heimgesuchten Wirte dank ihrer wirksamen Abwehr mehr Junge als die durch den Kuckuck parasitierten Vögel großziehen können, dürfte sich das Rausschmeißertum durchsetzen. Beim Sumpfrohrsänger scheint das, im Unterschied zu seinem nahen Verwandten, dem Teichrohrsänger, der Fall zu sein.

Dieses Wissen verdanken wir dem Hamburger Ornithologen Dr. Karsten Gärtner, der über ein Jahrzehnt lang geduldig dem Kuckuck nachspürte und feststellte, daß dieser seine Eier recht oft inSumpfrohrsängernester legt. Der wirft sie jedoch meist wiederüber Bord und rettet so seinen Nachwuchs.

Abwehrreaktionen hatte man zwarschon früher auch bei anderen Vogelarten beobachtet, meist aber die rigorose Aufgabe der Gelege. Die Ornithologen vermuten jetzt, daß das Hinauswerfen auch bei anderen Wirten häufiger als bisher angekommen vorkommen könnte. Einem neu gefundenen Gelege ist es ja nicht anzusehen, ob es vielleicht ein – inzwischen vom Wirtsvogel entferntes – Kuckucksei enthalten hatte.

Rätselhaft ist, wie es zu der Ablehnung kommt. Vermutlich ist die fehlende Anpassung in Färbung und Zeichnung schuld am baldigen Hinauswurf Das Kuckucksei fällt nämlich im Gelege sofort als Fremdling auf. Doch während der nahe verwandte Teichrohrsänger die so auffälligen Kuckuckseier fast immer annimmt, haben viele Sumpfrohrsänger im Laufe der Evolution wohl gelernt, eigene von fremden Eiern zu unterscheiden. Immer werfen sie andersartige Eier aus dem Nest, niemals aber ihre eigenen, selbst dann nicht, wenn Gärtner mehrere Eier von Feldsperlingen ins Sumpfrohrsängernest legte und nur ein Rohrsängerei dort beließ.

Interessant ist nun, ob die Kenntnis des arteigenen Eityps tatsächlich angeboren oder erlernt ist. Im Experiment nahm die Hälfte der Versuchstiere ein fremdes Gelege an, wenn sie von Anfang an fremde statt eigene Eier im Nest hatten – Prägung auf einen fremden Eityp. Dennoch wurde ein dazugelegtes eigenes Ei wie oben beschrieben niemals hinausgeworfen. Ist das Schema des arteigenen Eityps doch in einem gewissen Rahmen angeboren? Oder wurden die Tiere bereits im Vorjahr geprägt? Letztendlich scheitert die exakte Beweisführung an der Unkenntnis über den Ernährungszustand der Vögel.

Bleibt die Frage nach der Entstehung der Eianpassung, die Wissenschaftler seit langem beschäftigt. Ist der Brutparasitismus des Kuckucks nun hoch evoluiert, da seine Eier zum Teil sehr gut an sehr verschiedene Wirtsvogeleier angepaßt sind oder stellt die fehlende Festlegung auf eine ganz bestimmte Wirtsart und einen Eityp (wie beispielsweise beim Sumpfrohrsänger) ein primitives Merkmal und somit einen Beweis für das Anfangsstadium der Entwicklung dar? Stärkere Spezialisierung könnte eine evolutive Sackgasse bedeuten, ständiger Wirtswechsel dagegen sichert eine weite Verbreitung und bedeutet ein geringeres Risiko. Da aber wohl beide Geschlechter beim Kuckuck für die Vererbung des Eityps verantwortlich sind, ist jede gerichtete Anpassung nahezu unmöglich. Dazu müßten sich ausschließlich Vögel paaren, die bei derselben Wirtsvogelart aufgewachsen sind. Diese Wahrscheinlichkeit steigt nur dort, wo die Zahl der parasitierten Wirtsarten einer Gegend über lange Zeit sehr gering ist. Aus Ungarn, wo dieser Fall möglicherweise vorliegt, kennt man täuschend imitierte Sumpfrohrsängereier.

Ungeklärtes über die Evolution des Brutparasitismus gibt es noch genug. Der Kuckuck aber hat derweil ganz andere Probleme; da manche Vogelarten, die seine Eier akzeptieren, immer seltener werden oder gar schon ganz zu verschwinden beginnen, ist es für ihn heute aussichtsreicher, seine Eier beim noch häufigen, aber sich wehrenden Sumpfrohrsänger abzulegen. Zwar wurde in der untersuchten Sumpfrohrsänger-Population nur in jedem fünfzigsten Nest ein Kuckucksei bebrütet, doch kann der Kuckuck die Empfindlichkeit dieses Wirtes gegenüber seinen Eiern durch ein besonders großes "Gelege" kompensieren. Der Sumpfrohrsänger hat für das Kuckucksweibchen den Vorzug, daß er in relativ hoher Dichte nistet. Ein Überschuß an Nestern ist aber auch nötig, um alle Eier unterzubringen, was nur gesichert ist, wenn mehrere Nester der Wirtsvögel gleichzeitig "kuckucksfähig" sind, das Wirtsgelege also noch unvollständig und somit unbebrütet ist. Gärtner rechnet, daß ein Kuckucksweibchen etwa 60 Paare der speziellen Wirtsvogelart in seinem Aktionsbereich benötigt.

Wo nisten heute noch mögliche Wirtsvögel in so großer Dichte? Eine Änderung des Artenspektrums hat auch für den Kuckuck Folgen.