Ali, der gute Deutsche, würde die Geschichte so erzählen: Zuletzt kamen Neid und Mißgunst, Ehr- und Treulosigkeit unter meine Freunde. Mein Erfolg mit „Ganz unten“ hatte die verdorben. Objektiv gesehen, besorgen sie das Geschäft der Rechten, die mich ja von Anfang an haßerfüllt verfolgt hatte. Auch meine Weggefährten erwiesen sich als fehlbar. Ich aber ging über die Grenze ins freie Holland.

Niemand hat je behauptet, daß Günter Wallraff ein guter Schriftsteller ist. Er ist seit zwanzig Jahren ein seltsamer Außenseiter, der auf umstrittenen Wegen Verdienstvolles leistet. Mit den Einzelheiten nimmt er es nicht genau. Auf den Zusammenhang, aufs große Ganze steuert er los – auf die Wahrheit, wobei er sich herausnimmt, die Wirklichkeit zu diesem Zweck zu ver-dichten.

Da Wallraff sich um intellektuelle Redlichkeit nicht schert, geht es in seinen Sozialreportagen wie im bösen Märchen zu. Fast jedes seiner Bücher ist folgerichtig zum Gegenstand eines Verfahrens geworden. Und die Gerichte haben den Maßstab festgelegt: Was er enthüllt, ist wichtiger als wie er es enthüllt. Seitdem ist der schludrige Schreiber Wallraff ein staatlich anerkannter Verwandlungskünstler.

Diesmal liegen die Dinge anders. Diesmal ziehen ihn einige alte Arbeitskameraden vor ihr Privatgericht. Unter dem Reporter Wallraff muß man sich ja eine ganze Compagnie vorstellen. Dazu gehören Vertraute, Informanten, Wasserträger und Domestiken. Sie präparieren die Projekte; sie sorgen für die Logistik; sie gehen beim Nacharbeiten und Verwerten zur Hand.

Einer von ihnen, der Bremer Journalist Uwe Herzog, gibt nun unter allerlei Zeichen von Abscheu Betrübliches über Wallraffs Produktionmethode zum besten. Leitmotive: Wallraff läßt schreiben; er plündert, wo es zu plündern gibt; die Arbeit tun viele – er allein steckt sich die Federn an den Hut.

Getrost überlassen wir den Psychologen die Analyse, ob ein Möchtegern-Schriftsteller, der sein Sujet abenteuerlich ausbaldowert und seine Bücher aus vielem montiert, am Ende noch zu unterscheiden vermag, was daran das Seine ist und was nicht. Ansonsten halten wir uns an die Lebenserfahrung. Vom Projekt „Ganz unten“ sind 2,75 Millionen bisher verkauft worden; auf dem Tisch des Hauses liegen rund acht Millionen Mark. Fluch der guten Tat: Beim Beutemachen fliegt die Wallraff-Compagnie auseinander.

Dennoch hat der Fall eine hochnotpeinliche Pointe. Unaufgeregt und ohne Mätzchen erzählten zwei Türken aus der Compagnie im Spiegel, was sie mit dem Moralisten Wallraff erlebten. Die deutsche Rechte kann ihm nichts anhaben. Mit seinen eigenen Waffen à la Herzog ist er nicht zu schlagen. Am wirkungsvollsten aber kratzen die beiden sachlichen Türken am Märchenbild vom guten Menschen, das Wallraffs Genre erst vervollständigt.