Von Esther Knorr-Anders

Man darf nicht zu oft bei Nacht vor dem Café Florian auf dem grandiosen Markusplatz sitzen, wenn man über Venedigs Geschichte schreibt“, mahnt klipp und klar der Historiker Reinhard Lebe. Die steinernen Zeugen vergangener Macht und Herrlichkeit hatten so manchen Geschichtsschreiber zu poetisch-romantischer Dämonisierung der Lagunenstadt verführt. Für Lebe galt, jedwede Legendenbildung aus der historischen Realität zu filtern. Diesen selbstauferlegten Anspruch erfüllt die vorliegende, vom Verfasser bearbeitete Neuausgabe seiner 1978 erstmals veröffentlichten Geschichte Venedigs. Man legt das Buch ungern aus der Hand, denn wo gibt es schon funkensprühenden Witz gepaart mit an Tragik grenzendem Ernst:

Reinhard Lebe: Als Markus nach Venedig kam – Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen; 56 Abbildungen, 3 Karten; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1987; 287 S., 34,– DM

Für erfolgreiches Machtstreben waren die Venezianer mit hinlänglich geschmähten, vor allem aber beneideten Eigenschaften ausgestattet: Mit Schläue, unentwegtem Kommerzdenken, auch mit Tapferkeit.

Doch die Genueser und die Bewohner anderer italienischer Städte waren in Sachen Gewinnstreben durchaus nicht weniger begabt. Für den im Mittelalter beginnenden, beispiellosen Aufstieg Venedigs zur Welthandels- und Kolonialmacht, schließlich zur europäischen Großmacht, bedurfte es mehr als gewisser kalkulatorischer Künste. Sendungsbewußtsein mußte hinzukommen; es stimulierte die Venezianer, ja es überwältigte sie geradezu. Im mittelalterlichen Abendland konnte Sendungsbewußtsein nur auf christlichem Fundament ruhen: Jahrhundertelang glaubten die Venezianer (jedenfalls bleibt es zu hoffen), daß der Verfasser des Markusevangeliums – als Begleiter des Paulus – während einer Missionsreise die Rialto-Inseln betreten habe. Ein Engel sei Markus im Traum erschienen. Er verkündete den künftigen Glanz Venedigs.

Dieser herzbewegenden Geschichte steht leider die Tatsache gegenüber, daß gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., also zur mutmaßlichen Lebenszeit des Evangelisten, Venedig noch gar nicht existierte. Doch anno 828 geschah mit der „Translatio Sancti Marci“ jenes berüchtigte Kabinettstück, das die venezianische Markuslegende ins Leben rief: Die Kaufherren Bonus und Rusticus, geschäftlich in Alexandria weilend, entführten aus der dortigen Markuskirche die Gebeine des Evangelisten, um sie nach Venedig zu transportieren. Das kostbare Gut gelangte unter Schinken und Schweinefleisch versteckt, durch den Zoll.

Ob es nun wirklich das mit einer List geraubte Skelett des Markus war, solche Zweifel lagen den Menschen des Mittelalters fern, wie auch die Frage sie nicht erregt hätte, ob Markus überhaupt jemals in Alexandria gewesen war, dort starb und beerdigt wurde. Entscheidend blieb, daß Venedig und alle Welt an die Echtheit der Reliquie glaubte. Die brisante Diebesbeute wurde in der Dogenstadt beigesetzt und die Markuskirche darübergebaat. 150 Jahre später aber, während der Verschwörung gegen den Dogen Pietro Candiano IV., wurde die Markuskirche durch Feuersbrunst verwüstet; die unersetzlichen Gebeine verbrannten.

Über eines war sich Venedig klar: Dieser Verlust durfte nie als endgültiger Verlust ins Bewußtsein der Öffentlichkeit dringen. Folglich mußte die Reliquie tunlichst wiederauftauchen. Dazu wurden mirakulöse Geschehnisse in Umlauf gesetzt: Die Kirche habe derart gebebt, daß ein Pfeiler bröckelte und den Sarg den Blicken freigab. In anderer Version streckte Markus höchstselbst den Arm aus dem Pfeiler, um kundzutun: Hier bin ich.

Frömmigkeit war den Venezianern nicht abzusprechen. Den Widerspruch zwischen gewinnsüchtigem Tun und christlichen Geboten umgingen sie, indem sie Gottvater als Handelspartner ansahen, mit dem es sich zu arrangieren galt. Zum Ausgleich für Besitz und Profit spendeten sie den Kirch en und Klöstern. Ihr kaufmännisches Denken verließ sie nie, ihre Verfahrensweise nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip gaben sie nicht auf. Sie waren an den Kreuzzügen, am Sklavenhandel und an der Erstürmung und Plünderung Konstantinopels 1204 beteiligt. Drei Achtel des byzantinischen Imperiums kassierte Venedig.

Auf der Höhe der Macht, der wirtschaftlichen Hochblüte, widerfuhr den Venezianern Schreckliches: Vasco da Gama hatte 1498 den Seeweg nach Indien entdeckt. Es war die weitaus billigere „Gewürzstraße“ ins ferne Wunderland. Das Mittelmeer verlor seine zentrale Rolle in der Weltschifffahrt und -wirtschaft. Venedig verfügte nicht mehr über die Energie, sich auf den epochalen Wandel einzustellen. Schon längst war diese Republik einst wagemutiger Wegbereiter zu einem Staat zwar reicher, aber risikoscheuer Patrizier und Bürger geworden. Das spätere österreichische, dann italienische Venedig offenbarte sich ohne „Virtù“ ohne die „Tugend und Kraft der Persönlichkeit wie eines ganzen Volkes“. Lebe: „Die Stadt blieb herrlich, aber sie prostituierte sich nun immer ein wenig. Ihr Name wurde zu einem Synonym für schöne Morbidität.“