Als Joachim Klaiber 1963 zuerst mit Peter Ronnefeld und später mit Hans Zender in Kiel ein Programm vorlegte, in dem die klassische und die experimentelle Moderne jeweils ein Drittel aller Produktionen einer Spielzeit ausmachten, da wurde ihm auch von Wohlmeinenden warnend gesagt: „So was können Sie hier doch nicht machen !“ Wörtlich dasselbe bekam ich zu hören, als der neu gewählte Generalintendant Claus Leininger mich 1977 ans „Musiktheater im Revier“ nach Gelsenkirchen holte und mir die Leitung einer von ihm dort neu eingerichteten „musik-theater-werkstatt“ übertrug. Als ich Leininger nun in das wohlhabende, als sehr konservativ geltende Wiesbaden folgen durfte, hörte ich dort dasselbe wie zuvor in der Arbeiterstadt Gelsenkirchen. Und Hans Zender hörte es auch in Hamburg und schrieb dazu in seinem Programmheft zur Oper „Intolleranza“ von Luigi Nono sinngemäß folgendes: Wenn einem gesagt wird, „so was“ kann man hier doch nicht machen, ist zu erwidern, daß „so was“ die einzige Rechtfertigung eines subventionierten Theaterbetriebs ist. Und ich möchte hinzufügen: „Hier ist überall!“

Hier, in diesem Ratssaal, durfte ich 1968 die langjährige musica-nova-Reihe eröffnen. Hoch gegriffen habe ich damals mit unserem Programm: Wir nahmen den hundertsten Geburtstag von Stefan George zum Anlaß, Vertonungen seiner Gedichte aufzuführen von Anton Webern, Arnold Schönberg und Theodor W. Adorno. Adorno folgte unserer Einladung, machte aus unserer Veranstaltung ein „Gesprächskonzert“ – auch ein Novum in damaliger Zeit.

Anspruch und künstlerisches Niveau dieses ersten musica nova Programms blieben verpflichtend. Beide Studio-Reihen, auch die des Opernstudios, waren über viele Jahre ein lebendiger, nicht wegzudenkender Bestandteil des Kieler Kulturlebens. Und doch war diese Reihe eines nichtschönen Tages einfach „weg“, genauso weg wie „das neue Werk“ des NDR Hamburg; „weg“ wird, nun vielleicht auch die Hamburger „Opera stabile“ sein. Es gibt noch mehr alarmierende Beispiele des Abbaus und der leichtfertigen Zerstörung. Könnte Kassandra, wenn sie heute lebte, dieser sausenden Talfahrt Einhalt gebieten, würde irgendwer ihre Warnrufe hören? Ist diese Frage schon das Eingeständnis unserer Ohnmacht, oder müssen wir mit dem Rücken zur Wand stehend rebellisch weiterfragen: Was ist zu tun?

Für die Entwicklung und das Leben der Künstler aus allen Bereichen – Musik, Bildende Kunst, Sprache – scheinen ähnliche Regeln zu gelten wie für die Politiker. Unter diesen gab es früher „Staatsmänner“. Die konnten auf lange Sicht ihre Visionen, Reformen und Strategien erfinden und planen, ausgreifend auf ein halbes Jahrhundert und mehr, das sie damit prägten. Ihnen gegenüber stehen heute die Politiker, die alle vier Jahre Wahlen gewinnen müssen und die keinen Entwurf vorlegen können, zu dessen Verwirklichung es mehr als eine knappe Legislaturperiode braucht. Dieser Konsens, daß nur der rasche Erfolg zählen kann, trifft auch die Künstler. „Trends“ werden wichtiger genommen als die Entwicklung der bedeutenden Einzelperson, niemand hat Einsicht und Zeit, auf deren Reife zu vertrauen, Irr- und Umwege zuzulassen. Die Ausformung eines Alterswerks oder eines Altersstils ist kaum noch möglich. Ebenso bedroht ist alles, was Trends und rasch wechselnden Tagesmoden zuwiderläuft.

Nach der dezidierten Kunstfeindlichkeit in den Jahren nach 1968, gegen die man wenigstens noch polemisieren und streiten konnte, leiden wir jetzt unter Liebesentzugs-Erscheinungen und laufen Gefahr zu ermatten. Damals war man gegen die „Kunst“. Heute will man zwar „Kunst“ haben, aber sie darf nichts kosten – jedenfalls nicht in künstlerischen Bereichen, die kein „Markt“ sind. „Kunst“ soll heute so sein, als sei sie zur Unterhaltung „für alle“ gemacht und gedacht. Das heißt, sie muß in Begriffen eines politischen Wahlprogramms formulierbar sein. Dem Neuen, Werdenden zum Leben zu verhelfen, ist ungeheuer schwer geworden. Und ebenso schwer ist es, in diesem festen Gefüge irgend etwas zu verändern – wobei mit Veränderung wohl Verbesserung gemeint sein dürfte.

Luigi Nono hat einmal gesagt: „Kein Bild, kein Gedicht, kein Musikstück kann die Welt und bestehende schlechte Verhältnisse verändern oder gar eine Revolution auslösen. Aber es kann Bewußtsein stiften.“ Bewußtsein zu stiften – ich meine, dazu sind wir da. Die Neue Musik ist nicht mehr „neu“, und die Endlichkeit ihrer Kunstmittel im herkömmlichen Sinne erscheint zumindest vorstellbar. Trotzdem entstehen gerade jetzt große Werke, die sich dem raschen Konsum völlig entziehen und auch dem raschen populären Verständnis – seltsam verschlüsselt, geheimnisvoll, manchmal monströs. Wer dürfte nun sagen, „so was“ brauche nicht da zu sein, es sei ja „elitär“. Hier steht jetzt das Recht der wenigen aufs Schwere gegen das Recht der vielen aufs Leichte – und da es beides gibt und geben soll, ist hier das Spannungsfeld, in dem wir leben und kämpfend überleben wollen. Den gesetzten Zeichen zu folgen, heute, „in dürftiger Zeit“, wie es bei Hölderlin heißt, ist furchtbar schwer geworden; und ist nichts anderes als die tägliche kleine Dreckarbeit, aus der unser Beruf letztendlich besteht – Ideen freilich inbegriffen.