Die Vergangenheit gleicht jenen Bergdörfern, die von gewaltigen Stauseen überflutet wurden. Manchmal, in heißen Sommern, sinkt der Pegel, und die Türme und Dächer jener versunkenen Dörfer kommen geisterhaft zum Vorschein: So wird erzählt in Daniel Schmids neuem Film „Jenatsch“. Eine hübsche Metapher – und gleichzeitig der Schlüssel für Schmids sperriges Kino. Ein Journalist erhält den Auftrag, das Leben und den Tod von Jenatsch zu erforschen, jenes rätischen Rebellen, über dessen Rolle in der Geschichte die Historiker noch immer streiten: War Jenatsch ein Freiheitskämpfer oder ein Verbrecher? Der Reporter fragt, forscht, fahndet und wird davon ganz verrückt. Immer häufiger plagen ihn Halluzinationen: Dann wird er aus dem 20. ins 16. Jahrhundert zurückgeschleudert, in Jenatschs Zeit also – und der Berichterstatter wandelt sich unversehens zum Täter. Dem Kinogänger geht es ähnlich, denn Zuschauen reicht nicht in Schmids Film, man muß schon mitspielen, mitdenken, mitphantasieren. Der Reporter aber fürchtet um seinen Verstand. Ein de ja vu, so meint seine Freundin, sei kein Grund zur Beunruhigung, ein de ja vu über vier Jahrhunderte hinweg aber kann keiner erklären. Außer Daniel Schmid, dem das déjà vu Motto und Programm ist: Nicht neue Bilder braucht das Kino, sondern einen neuen Blick auf die alten Bilder. Damit aber ein neues Licht auf die alten Bilder falle – dafür braucht Schmid keine neuen Techniken; ihm genügen schon Gedanken. Der Geistesblitz bleibt der wichtigste und wirksamste special-effect des modernen Kinos.

Zur Reise in die Vergangenheit lud auch Peter Patzak. Als Fahrtziel war das 19. Jahrhundert avisiert, unterwegs aber ging Patzak die Luft aus, und er blieb in den fünfziger Jahren stecken. Sein „Wahnfried“ ist eine Klamotte mit Musik: immer albern, manchmal spaßig – und meistens von erschreckender Harmlosigkeit. Eher zufällig haben sich Richard Wagner und Cosima von Bülow in diesen Film verirrt. Otto Sander spielt und spinnt, liebt, schreit und spuckt einen „Oscar“-reifen Wagner aus sich heraus. Aber Sanders Wahnsinn hat keine Chance gegen Patzaks „Wahnfried“, der von eher biederer Machart ist: Szenen einer Ehe als Klamauk für die gebildeten Stände. Und als Pausenclown hampelt Nietzsche durchs Dekor: „Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?“ Also sprach Zarathustra.

„Così parlö Bellavista“: Durch Neapels Gassen, Läden, Hinterhöfe und Wohnküchen wandelt Bellavista, der pensionierte Philosoph, und beglückt mit lustigen Weisheiten und absurden Pointen seine zahlreichen Jünger. Die Titelrolle spielt Luciano de Crescenzo, der bei den Anhängern philosophischen Entertainments hoch angesehen ist. Als Humorist, Erzähler und Selbstdarsteller ist de Crescenzo konkurrenzlos – als Regisseur ist er weniger begabt. „Also sprach Bellavista“ hat mit Kabarett mehr als mit Kino zu tun. Der Film läuft auf eine Moral hinaus: „Man ist immer ein Südländer für irgend jemanden“. Laut klatschen da die Münchner Zuschauer.

Kein Einzelfall: Die Münchner sind zufrieden mit ihrem Festival, und das Filmfest ist glücklich mit seinem Publikum. Die Zuschauerzahlen steigen, die Zustimmung ebenfalls. Was ja durchaus nicht selbstverständlich ist: München darf nicht und kann nicht mit Cannes, Venedig, Berlin konkurrieren. München ist aber auch zu stolz und als Kinometropole zu bedeutend, als daß man hier ein kleines und intimes Filmfest nach dem Vorbild Mannheims, Hofs, Saarbrückens feiern könnte. Folglich gibt es keinen Wettbewerb – aber ein pompöses internationales Programm. Folglich feiert man nur wenige Weltpremieren – kauft aber alles ein, was in Cannes, Berlin, Venedig gut ankam. Das macht den Charme des Münchner Festivals, das bleibt aber auch sein größtes Manko: Ein gigantischer Supermarkt für Zelluloid. Der mündige Kunde stellt sich seinen eigenen Warenkorb zusammen. Was aber machen die Gelegenheitsgäste und Kinoneulinge?

Von der Ambition, Zusammenhänge zu erläutern und Entwicklungen zu erhellen, lebt eigentlich nur eine Sektion des Münchner Filmfests: Seit Jahren schon werden regelmäßig amerikanische „Independents“ nach München geladen. Das sind billige Filme von jungen Regisseuren, gedreht in Texas oder in New York, weit weg von Hollywoods großen Studios, jenseits von deren Zwängen und Vorschriften – aber auch Lichtjahre entfernt von den Geldquellen der mächtigen Produktionsfirmen. Wir sahen heuer, daß man noch im hintersten Winkel der USA mehr vom Kinohandwerk versteht, als man an deutschen Filmhochschulen jemals lernen kann. Aber wir warfen auch Blicke in eine bestürzende Zukunft: In Amerika wächst eine Generation von skrupellosen Karrieristen heran, die ihre Filme zwar unabhängig produzieren, dabei aber alle Regeln und Zwänge Hollywoods aufs strengste beachten – weil sie ganz wild darauf sind, sich möglichst schnell in die Abhängigkeit eines großen Studios zu flüchten.

Die furchtbarste Erfahrung aber kam ganz am Schluß. Am Samstagabend trat Eberhard Hauff, der Festspielchef, vors Publikum und verkündete stolz eine Weltpremiere. Ulf Miehe zeigte seinen Film „Der Unsichtbare“. Eine deutsche Komödie, mit Nena, Klaus Wennemann und Barbara Rudnik. Gleich am Anfang stellt sich der Held, stellvertretend für den deutschen Film, zwei existentielle Fragen: „Wer bin ich? Was bin ich?“ Statt einer Antwort setzt er sich eine Tarnkappe auf.

„Der Unsichtbare“ ist ein Werk der Ignoranz. Wer jemals einen Film aus Hollywoods „Invisible Man“-Serie gesehen hat, wer in handfesten Komödien nicht beide Augen zudrückt, der fragt sich verzweifelt, was uns Ulf Miehe mit diesem Werk sagen wollte. Womöglich kam es ihm nur auf die Tarnkappe an. Die Tarnkappe und der deutsche Film, die beiden passen wirklich gut zusammen.