Das Nordkap, jener 300 Meter aus dem Nördlichen Eismeer ragende Felsen, 2200 Straßenkilometer von Oslo entfernt, soll völlig verändert werden. Ein gewaltiger Bau ist geplant.

Einzig zu dem Zweck, den stagnierenden Reisestrom an „ihr“ Nordkap von derzeit 100 000 auf bald 200 000 Besucher jährlich zu steigern und für Nordskandinavien eine weitere Attraktion zu schaffen, will eine Investitionsfirma mit dem euphemistischen Namen „Nordkapp Vel“ (Nordkaps Wohl) umgerechnet rund 55 Millionen verbauen. Losgehen soll es damit noch in diesem Jahr.

Nach den Worten des Vorstandschefs Svein Sörensen sollen bis spätestens 1992 folgende Bauten errichtet werden: ein Hotel mit Restaurants, ein Einkaufszentrum, ein Museum, eine künstliche Grotte mit Meeresblick, ein Telekommunikationsgebäude, ein Riesenkino, Konferenz- und Konzertsäle, eine Eisenbahnlinie. Vielleicht wird auch eine Lift- oder Gondelverbindung mit dem Felsenstrand bei Hornvika entstehen, null Meter über Normalnull – um von dort per U-Boot zu einer Spritztour durchs Eismeer zu starten. Weil es dringend erforderlich scheint, Heiratswütigen die norwegische Alternative zu Gretna Green in Grau anzubieten, plant man, am Nordkap gleich noch eine Hochzeitskapelle zu bauen.

Das Unternehmen wirkt deshalb so überzogen und unrealistisch, weil noch kein Tourist das Nordkap wegen zu geringer Ausstattung verschmähte. Wer diese Region und diesen Punkt trotz oder wegen des weiten Wegs ansteuert, fragt weder nach Gondeln noch Grotten. Er wundert sich höchstens, daß ein Hotel fehlt und das Zelten verboten ist. Bislang profitierte das Nordkap von seiner relativen Unschuld. Das markante Profil und der topographische Superlativ reichten aus für sicheren Ruhm. Von Gedenksteinen und Drahtsicherungen abgesehen, finden sich auf dem öden Plateau nur eine steinerne Halle mit Cafeteria und Postamt, gefragt wegen des Stempels „N-9764 Nordkapp“, und der gebührenpflichtige Parkplatz.

Odd Holmgren, Bürgermeister der Nordkap-Kommune Honningsväg, steht dem Projekt positiv gegenüber. Ebenso unkritisch-optimistisch äußert sich der Chef des norwegischen Fremdenverkehrsverbandes, Ronald Bye, und hantiert mit Zuwachsraten. Besonders stolz sind sie auf den Videographen, der in einer groß angelegten Kinoarena Dias und Filme vorführen soll – vom Nordkap.

Das Nordkap bei Tag und bei Nacht, bei Wind und Wetter und zu jeglicher Jahreszeit.

Eckart Klaus Roloff