Von Matthias Naß

Was glauben Sie, wen wird die Opposition als Präsidentschaftskandidaten nominieren?" Keine Frage wird dieser Tage in Seoul leidenschaftlicher diskutiert. Welcher der "beiden Kims" wird das Rennen machen: Kim Dae Jung oder Kim Young Sam? Viele Südkoreaner sind davon überzeugt, daß der Kandidat der Opposition auch der nächste Präsident ihres Landes sein wird.

Roh Tae Woo selbst, der gefeierte "Mann der Stunde" (Newsweek), weil er, der designierte Chun-Nachfolger, die Partie nach den Spielregeln der Opposition neu eröffnete, schließt eine Niederlage nicht aus. Unangemeldet war er am vergangenen Donnerstag im Büro von Kim Young Sam erschienen. Seine Demokratische Gerechtigkeitspartei, erklärte Roh dem verblüfften Kim, sei "bereit, eine Oppositionspartei zu werden", wenn dies denn der Wille des Volkes sei.

Beflügelt von der euphorischen Reaktion auf seinen Acht-Punkte-Katalog vom vergangenen Montag, gibt sich der ehemalige General mit dem gewinnenden Lächeln entschlossen, auf dem Weg zur Demokratie in Südkorea voranzugehen. "Ich mache mir keine Gedanken darüber, welche Seite die Wahl gewinnen wird", versicherte er in einem Interview. "Mir geht es darum, wie die Demokratische Gerechtigkeitspartei und ich die demokratische Entwicklung verwirklichen können. Wenn dies erreicht werden kann, bin ich zufrieden. Wer Präsident werden wird, das ist mir wirklich gleichgültig."

Viele Südkoreaner trauen den Sirenengesängen des einstigen Putschgefährten Chun Doo Hwans nicht. Immer wieder hat das Regime ja seine Versprechen gebrochen. Als am Wochenende der Student Lee Han Yol starb, der bei einer Demonstration von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen worden war und seitdem im Koma gelegen hatte, zerrissen und verbrannten seine Kommilitonen einen Kranz, den Roh gesandt hatte. Auch Kim Dae Jung bleibt bei aller Freude über das Einlenken der Regierung skeptisch: "Es gibt keine wirkliche Garantie, daß freie Wahlen abgehalten werden können."

Zu oft schon hat der 63 Jahre alte Kim Dae Jung erfahren, wie das Militär jeden Versuch zur Demokratisierung zerschlug. Seine Unbeugsamkeit ließ ihn zum Symbol des koreanischen Widerstandes werden. Seine Kompromißlosigkeit trug ihm aber auch den Haß der Generale ein. Doch Gefängnis, Exil und Hausarrest haben Kim Dae Jung nicht verstummen lassen.

Nach drei vergeblichen Anläufen wurde Kim Dae Jung 1961 in die Nationalversammlung gewählt. Zwei Tage später löste General Park Chung Hee nach einem Militärputsch das Parlament auf. Kim wurde der wichtigste Gegenspieler Parks. Bei den Präsidentschaftswahlen 1971 unterlag er ihm mit 46 Prozent der Stimmen nur knapp. Wäre das Ergebnis damals nicht verfälscht worden, so glaubt er noch heute, hätte er einen klaren Sieg davongetragen. Auch nach seiner Niederlage blieb der charismatische Oppositionsführer der gefährlichste Gegner des Militärregimes. Die Methoden, die wählte, um sich des Widersachers zu entledigen, waren alles andere als zimperlich. Kurz nach der Präsidentschaftswahl rammte ein schwerer Armeelaster Kims Wagen. 1973 entführten ihn Agenten des koreanischen Geheimdienstes (KCIA) aus seinem Hotelzimmer in Tokio. Energische Interventionen der amerikanischen und japanischen Regierungen verhinderten die Ermordung des Verschleppten.