Wer hätte nicht schon einmal vor den bunten, schwankenden Drehregalen auf Bahnhöfen oder Flughäfen gestanden, um im letzten Moment vor der Abfahrt noch ein Taschenbuch als Reiselektüre zu erstehen? Das ist, als löse man zusätzlich zur Fahrkarte noch ein zweites Ticket, ein Billett zu inneren Reisen. Denn das Reisen versetzt, mit Montaignes Worten, die Seele in ständige Bewegung, und diese Schwingung ist dem Impuls des Lesens verwandt. Der Erfahrungsgewinn einer Reise besteht nämlich im Verändern und Verschieben des Koordinatensystems unserer mehr oder minder lieben Gewohnheiten, lenkt eingeübte Blickroutine auf neue Perspektiven und stellt gar, wenns ins Ausland geht, unser alltägliches Sprechen in irritierende Frage. Und ist solch produktive Verunsicherung unserer Identität nicht jenen Anstößen, ja Erschütterungen ähnlich, die Bücher uns manchmal versetzen? Eben deshalb war das Reisen stets ein literarischer Topos, den die Schriftsteller sei’s fiktiv und imaginiert, sei’s durch Verarbeitung und Stilisierung tatsächlicher Erlebnisse, immer wieder ausschreiten.

Selbst wenn sie allein reisen, haben Autoren nicht selten einen festen Begleiter – das Tagebuch. Auch im Nachlaß Albert Camus’ fand sich, gesondert von den anderen Tagebüchern, ein Heft mit Aufzeichnungen von seinen Fahrten nach den USA (1946) und Südamerika (1949). Diese „Reisetagebücher“ (Rowohlt, rororo 5842, 6,80 DM; dt. Erstveröffentlichung 1980) sind von heftiger Skepsis gegen einen konformistischen american way of life geprägt: „Regenfälle in New York. Unaufhörlich, alles wegwerfend. Und in dem grauen Dunst recken die Wolkenkratzer sich weißlich empor wie riesige Grabmäler dieser von Toten bewohnten Stadt.“ Auch in Südamerika litt Camus unter der Technisierung modernen Reisens: „Beim Gedanken an all die Längen- und Breitengrade, die ich noch hinter mich bringen muß, wird mir übel.“

Im Zeitalter des Massentourismus wird Reisen als bewußtes Vordringen in neue Erfahrungsbereiche immer seltener. Der in Schottland geborene, in der Bretagne lebende Kenneth White, der sich selbst als „intellektuellen Nomaden“ versteht, knüpft an diese ursprüngliche Idee des Reisens wieder an. „Der blaue Weg“ (Fischer TB 5343, 9,80 DM; dt. EV 1984) ist weit mehr als der Bericht seiner Reise nach Labrador. In einer Montage aus Essay, Erinnerungen, lyrischen Einschüben, Träumen und Reflexionen entsteht das vielschichtige Bild einer Suche nach Ruhe im Außen und Innen. Fluchtpunkt dieses Ausbruchs aus der Zivilisation ist „das weiße Land“, ein Ort der Klarheit, aber auch eine Chiffre, ein geistiges Prinzip.

Noch weiter nach Norden, dem Pol zu, führt uns Christoph Ransmayr in seinem semi-dokumentarischen Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (Fischer TB 5419, 12,80 DM; EV 1984). Das ungemein präzise, zugleich mit großer Sinnlichkeit geschriebene Buch, verschmilzt Tatsachenmaterial über das Schicksal einer Polarexpedition im Jahre 1873 mit einer fiktiven Erzählebene. Ransmayrs Kritik am Eroberungswahn des europäischen Imperialismus ist besonders auch Kritik eines technokratischen Benennungswahns. Während für Kenneth White der Norden das Medium existentieller Selbstreinigung darstellt, ist er für Ransmayrs Figuren das genaue Gegenteil: Ein Fluchpunkt der Eitelkeiten. Dem Werk kommt Schmökerqualität im besten Sinn zu – es belehrt ohne erhobenen Zeigefinger und unterhält spannend, ohne je ins Triviale abzugleiten.

Im Stoffkreis und auch vom erzähltechnischen Ansatz her eng verwandt mit Ransmayrs Roman ist Sten Nadolnys Erfolgstitel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (Piper SP 700, 14,80 DM; EV 1983). Nur an der Oberfläche ein Abenteuer- und Seefahrerroman ist diese fiktionalisierte Biographie des englischen Nordpolforschers John Franklin nichts weniger als eine subtile Studie über die Zeit und deren Vertreibung aus einer gehetzt-durchrationalisierten Welt. Sehr zu Recht hat die Kritik gerühmt, daß „die Art, wie der Rhythmus seiner Prosa die Geschwindigkeit unserer Wahrnehmung verändert“, die entscheidende Leistung des Autors ausmacht.

Als Kind verschlang man, fernsehfrei und fernwehvoll, Abenteuer- und Entdeckungsgeschichten mit glühenden Ohren, reiste per Phantasie von Pol zu Pol und durch Wüsten und Dschungel. Die tatsächlichen Reisen der Kindheit waren bescheidener, zum Onkel in die Großstadt vielleicht oder zu den Großeltern aufs Land. Über die Tiefe empfangener Eindrücke sagt freilich die räumliche Distanz kaum etwas aus. Hansjörg Schertenleib hat mit seinem Roman „Die Ferienlandschaft“ (Suhrkamp, st 1277, 9,– DM; EV 1983) den Versuch unternommen, verlorene Kindheitserfahrungen im Wiederaufsuchen des alten Ferienorts zu reaktivieren. „Wie soll ich zurückfinden in die Landschaft von damals? Ich kenne das Codewort nicht, und von alleine geht es nicht; zu groß sind die Veränderungen, zu augenfällig unterscheiden sich die Bilder, die ich sehe, von den Bildern, die ich mit mir herumtrage.“

Auch der Held in Bernhard Lassahns „Wintergeschichte“ mit dem Titel „Ab in die Tropen“ (Diogenes, detebe 21395, 9,80 DM; EV 1984) gerät in die Schere zwischen Reisewunsch und beharrend-träger Wirklichkeit. Der Aufbruch zur sprichwörtlich exotischen Insel scheitert an banalen Alltagswidrigkeiten, nicht zuletzt aber an der Liebe zu einer Frau, deren Realitätssinn über das Fernweh siegt. Ein leicht melancholisches Reise-Verhinderungsbuch also, erzählt mit lakonischer Ironie, deren leise Töne nicht unterschätzt werden sollten.