Fast jeder hat ihn (wortwörtlich) „am eigenen Leib“ erfahren, mancher erlitten: Schulsport: Sport als Schulfach. Das war nicht immer selbstverständlich. Nicht wenige Turnväter des 19. Jahrhunderts versuchten die Aufnahme ihrer Disziplin in den schulischen Unterrichtskanon zu verhindern. Sie fürchteten nicht ohne Grund, wie wir heute wissen, daß der obrigkeits- und zivilisationskritische Impuls der frühen Turnbewegung durch die Verschulung in sein gerades Gegenteil verkehrt werden könnte.

„Der Jahrgang steht in hellen Zwillichblusen, in zwei Reihen geordnet, unter den großen Gaskronen. Der Turnlehrer, ein junger Offizier mit hartem braunen Gesicht und höhnischen Augen, hat Freiübungen kommandiert und verteilt nun die Riegen: ‚Erste Riege Reck, zweite Riege Barren, dritte Riege Bock, vierte Riege Klettern! Abtreten!‘“ Rilkes Erinnerung an den schulsportlichen Drill seiner Jugendzeit verweist auf Wesentliches: Schulsport verkörpert schulische Prinzipien schlechthin, eignet sich offensichtlich in besonderem Maße zur Illustration des jeweiligen Schulsystems (hier der Lernschule um die Jahrhundertwende).

In 100 Jahren Schulsportgeschichte hat sich einiges gewandelt, freilich nicht auf immer nur aufsteigender Linie; es gab Einbrüche und Rückschritte, denkt man zum Beispiel an die mutprobenden Abgänge vom Hochreck in den NS-Schulen.

Heute belegen alle Umfragen den Schulsport als weitaus beliebtestes Unterrichtsfach, belegen „Bock auf Schulsport“. Eine so salopp im Schülerjargon betitelte Ausstellung, im Auftrag der „Woche des Sports“ der Ruhrfestspiele in Recklinghausen gezeigt, hat diese Entwicklungsgeschichte auf 35 Tafeln komprimiert, illustriert und kommentiert, mit Mut zur Lücke, mit kaum verhohlenem Witz, immer mit Blick auf ein breites Publikum.

Eine Projektgruppe der Deutschen Sporthochschule Köln hat mit dieser Ausstellung ein vernachlässigtes Kapitel zwischen Schulgeschichte und Sportgeschichtsschreibung didaktisch besonnen aufgeblättert: vom mechanisch Machbaren des Kaiserreichs bis zum physiologisch Sinnvollen der Weimarer Zeit, von der „Leibeserziehung“ zum „Sportunterricht“, vom Spieß’schen „Gliederpuppen-Turnen“ bis zur heutigen „Bewegungsbaustelle“, von der „Verschulung des Turnens“ Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu v. Hentigs Forderung nach „Entschulung der Sporterziehung“. Reich bebildert: „Präciser“ Jungensport gegen „Allotria und Schwächlichkeit“, „decenter“ Mädchensport gegen „Bleichsucht und Schiefheit“, Schulsport heute für Sportarten-Lernen, Gesundheitsförderung, Körpererfahrung, Sozialerziehung, Freizeiterziehung, olympische Medaillen und für vieles mehr.

Bock auf Schulsport? Die Ausstellung kann kostenlos ausgeliehen werden beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen.

Reinhard K. Sprenger