Kaufleute und Fischer als erste Siedler der Stadt hatten wir uns noch im Fernsehen angesehen. Beim Dreißigjährigen Krieg waren wir aufgebrochen und kamen gerade zurecht, als Friedrich der Große und Voltaire durch die Karl-Marx-Allee zogen, Schausteller im Festumzug in Ost-Berlin am vergangenen Wochenende. „Das muß doch Millionen gekostet haben“, sinnierte die Freundin über die fünf Stunden dauernde Mammutveranstaltung, diese Mischung aus Karneval und historischem Theater. „Statt dessen hätten sie lieber nicht den Eins-zu-eins-Umtausch bei Westreisen kürzen sollen.“ – „Das ist doch ganz was anderes“, belehrte sie ihr Mann. „Das eine unterstützt West-Kontakte, weicht also eher den real existierenden Sozialismus bei uns auf; das andere soll unser Staatsbewußtsein stärken, indem es uns zeigt, wie gut wir sind.“

Vielleicht um den wachsenden Strom etwas einzudämmen, kann nun jeder Westreisende nur noch fünfzehn Mark eins zu eins von Ost- in Westmark tauschen. „Mein Onkel in Stuttgart wird im August dreiundsiebzig“, sagte die Freundin, „eigentlich wollte ich ihn besuchen, aber er ist auch nur ein armer Rentner, ich mag ihm nicht auf der Tasche liegen. Fünfzehn Mark – was ist das schon! Reicht doch kaum für die Straßenbahn. Ich weiß: Ich brauche nur den DDR-Ausweis zu zeigen, dann fahre ich umsonst, aber meinst du, das macht Spaß? Das Begrüßungsgeld bei euch abzuholen, ist mir auch peinlich. Erst hier die vom Amt, denen du ausgeliefert bist, ob sie dich nun fahren lassen oder nicht, dann drüben als Bettler.“

Inzwischen zog Bismarck an uns vorbei, und der Sprecher redete von der „Reichseinigung Bismarckscher Prägung“. „Die Regierenden drüben freuen sich doch immer lauthals, daß so viele Brüder und Schwestern aus der Zone zu Besuch kommen dürfen, da müssen die eben mehr dafür bezahlen“, mischte sich ein älterer Mann neben uns ins Gespräch ein. „Nein, das geht auch nicht“, widersprach der Freund, „wir kosten die Bundesrepublik schon genug Geld mit all den Autobahngebühren, Transitpauschalen und was weiß ich. Andererseits – wenn so viele von uns reisen mit siebzig Mark Höchstumtausch, das reißt der DDR auch ein ganz schönes Loch ins Devisensäckel.“

Schweigend sahen wir auf die Straße: E. T. A. Hoffmann, die erste Eisenbahn, das Kommunistische Manifest, Lassalle, Bebel und die Köpenicker Wäscherinnen, ein Korso von Oldtimern aus den zwanziger Jahren, KZ-Anzüge aus der Hitler-Zeit, 1945 mit den Befreiern: Sowjetische Soldaten auf Panzern oder Krakowiak tanzend. Als das Brandenburger Tor vorbeigetragen wurde – mit Grenzsoldaten und Betriebskampfgruppen davor, der Sprecher tönte durch den Lautsprecher: „Die Sicherung der Staatsgrenze war eine Zäsur ... nun war der Weg frei für eine Entspannung in Europa“, fiel es ihnen wieder ein: „Warum lassen die uns nicht einfach DDR-Geld mitnehmen?“ fragte die Freundin. „Und das tauschen wir dann in West-Berlin um zu dem Kurs, wie er eben gehandelt wird, wie er ja in unseren Exquisit-Läden für Westklamotten auch gilt. Dann müßten wir eben ein bißchen sparen, ständen drüben aber nicht wie Almosenempfänger da.“ – „Geht auch nicht“, sagte ihr Mann, „dann müßte ja die DDR offiziell den Kurs anerkennen und denen, die aus der Bundesrepublik in die DDR kommen, auch diesen Kurs einräumen. Das würde noch mehr Devisen kosten.“

Inzwischen war der VIII. Parteitag an uns vorbeigezogen, Anfang der Honecker-Ära, die DDR-Bezirke grüßten mit ihrem Wagen die Stadt: „Nun können wir gehen“, entschied der Freund, „jetzt wird sowieso nur noch gejubelt.“ – „Ein schwieriges Problem“, sagte er auf dem Heimweg und meinte wieder den Umtausch, „aber wenn wirklich die Mauer durchlässiger werden soll, mehr Austausch zwischen Ost und West zustande kommen soll, dann müßte eine Lösung auf höherer Ebene für die beiden deutschen Währungen gefunden werden. Oder ist so was pure Utopie?“ Marlies Menge