Von Walter Boehlich

In unserem Lande schreitet das Vergessen schneller vorin als die Geschichte. Adolfo Bioy Casares

Wenn man, von der Hauptwache kommend, unter kümmernden Platanen, deren Absterben über dem U-Bahn-Schacht schon eingeplant ist, die trostlose „Zeil“ entlanggeht, gelangt man zu einem Meisterstück Frankfurter Stadtbaukunst, der Konstablerwache, einer pflegeleichten Steinwüste mit abscheulicher Randbebauung. Von einem urbanen Platz hat sie so wenig wie die nach rechts führende Kurt-Schumacher-Straße etwas von einem menschenfreundlichen Boulevard. Ihre einzige Aufgabe ist es, den Verkehr so schnell wie möglich nach Sachsenhausen zu führen. Nach ein paar hundert Metern stößt man linker Hand auf eine riesige Baugrube – die ist einer der üblichen Frankfurter Skandale, eine Machtdemonstration von Planern und Rechnern, denen man alles nachsagen kann, nur kein Verständnis für die Geschichte der Stadt, in deren Diensten sie angeblich stehen.

Die Konstablerwache gibt es schon lange, während die Kurt-Schumacher-Straße ein Kind der Nachkriegszeit ist: schnurgrade, vielspurig, ampelbestückt. Früher, vor der braunen Seligkeit und ihren entsetzlichen Folgen, gelangte man von der Konstablerwache durch eine enge, leicht gekrümmte Gasse zu der Stelle, wo jetzt das riesige Loch gähnt. Das war die Börnestraße oder die Judengasse, denn diesen Namen hat sie die längste Zeit getragen. Von ihr ist nur noch ein winziges Stück erhalten, eine Art Sackgasse, in die sich kaum jemand verirrt.

Sie zeichnet sich aus durch Nachkriegs-Häßlichkeit. Ihr größerer Rest ist längst begraben unter Neubauten und unter der neuen Durchgangsstraße, aber auch unter dem Pflaster des Platzes, auf dem jetzt gegraben wird. Der hieß bis vor zehn Jahren: Karmeliterplatz; davor, vor 1933: Börneplatz und noch früher (vor 1885): Judenmarkt. Auf ihm stand, an den Alten Jüdischen Friedhof angrenzend, die konservative Synagoge (1882 eingeweiht). Von ihr ist nichts übriggeblieben. Die Nazis haben sie angezündet und später abgetragen. Ihre Nachfolger haben den freien Platz genutzt, um auf ihm die Blumenmarkthalle zu errichten, an deren Stelle jetzt ein mächtiger Verwaltungsbau der Stadtwerke treten soll. Daß sich zwischen diesem Platz und der Konstablerwache jahrhundertelang das Leben der Frankfurter Juden abgespielt hat – daran erinnert nichts mehr, außer zwei Plaketten, die Amerikaner haben anbringen lassen.

Die Frankfurter haben die Erinnerung an ihre alte jüdische Gemeinde mit einer Brutalität ausgelöscht, die kaum ihresgleichen findet.

Sie haben sich mit ungewöhnlicher Finanzkraft das Privileg erkämpft, die gesichts- und geschichtsloseste Großstadt der Bundesrepublik zu konstruieren, schnell, gefühllos, herzlos. Was der Krieg nicht vernichtet hat, haben sie im Frieden vernichtet. Sie bauen immer höher und graben immer tiefer, und wenn sie Pech haben, stoßen sie dabei auf etwas, was ihnen im Wege ist, auf Erinnerungen.