Der Gedanke, alle Funde sorgfältig Stein für Stein abzutragen und an anderer Stelle wieder aufzubauen, ist absurd. Was die Dinge einmal waren, können sie nur an Ort und Stelle bleiben, mit anderen Worten, man muß sie lassen, wo sie sind, ob das den Stadtwerken und den Stadtplanern in den Kram paßt oder nicht.

Auch die Verlegenheitslösung, sie im Keller der Tiefgarage so einzusargen, daß sie noch besichtigt werden können, verbietet sich. Denn die Fundstücke werden Erinnerung nur ermöglichen, wenn sie deutlich sichtbar bleiben, den Choc auslösen, der beinahe allen bisher erspart worden ist. Die Diskussion darüber, ob der Börneplatz, der besser wieder Judenmarkt hieße, überhaupt bebaut werden soll, müßte noch einmal begonnen werden. Es ist vollkommen gleichgültig, wo die Verwaltung der Stadtwerke untergebracht wird; aber es ist nicht gleichgültig, ob dieser Platz ein Platz der Erinnerung an die Geschichte Frankfurts und die Geschichte der Juden wird oder nicht.

Die Frankfurter haben ihren Juden alles genommen, Heimat, Besitz, Leben; 900 Frankfurter Juden haben sich umgebracht, um nicht in Lagern umgebracht zu werden. Einmal sollten die Frankfurter den Juden auch etwas geben, was nicht nur kalt fiskalische „Wiedergutmachung“ ist, sondern etwas anderes, mehr: Sie sollten ihnen den Börneplatz schenken, wiedergeben also, zur Erinnerung daran, was Frankfurter ihnen angetan haben – nicht erst seit 1933. Der Jüdische Friedhof, dessen alte Grabsteine zu Tausenden mitten im Krieg zertrümmert worden sind, könnte in ihn einbezogen werden.

Wenn man das römische Mauerwerk am Dom hat freilegen und freilassen können, warum dann nicht auch die letzten Reste des Judenviertels?

Warum nicht das Jüdische Museum dort, wo es hingehörte, erbauen?

Warum nicht einen fast leeren, verwilderten, wüsten Platz schaffen, der ganz anders wäre als die anderen Frankfurter Plätze, auf andere Weise trostlos, ein Ort, an dem vielleicht Tag für Tag zwei oder drei trauerten über das, was es nie mehr geben wird? Wäre das, nach allem, zu teuer?

Aber, fragt man sich, wieso gehört der Grund und Boden, auf dem zwei Synagogen und das Haus der Jüdischen Männer- und Frauenkrankenkasse standen, nicht der Jüdischen Gemeinde, sondern der Stadt, die dort tun und lassen kann, was sie will, und bisher lediglich zu geringen Zugeständnissen bereit war?