Oder: Wie der Niedergang der Fußballreportage in letzter Minute aufgehalten worden ist

Von Helmut Böttiger

Es gab einmal Zeiten, in denen der Samstagnachmittag noch einen Sinn hatte. Da zuckte der Gartenschlauch in einem unberechenbaren Rhythmus, die Autokarosserien in den Siedlungsstraßen wurden in einem eigentümlichen Stakkato geschrubbt, und der kleinblasige Schaum auf den Windschutzscheiben verging nicht so schnell wie heute. Zwischen halb fünf und viertel sechs waren die Vorgärten von aufputschenden Reporterstimmen durchsetzt, die Autoradios voll aufgedreht und die Reihenhäuser nur notdürftige Kulissen vor den vollbesetzten Tribünen und Stehplatzkurven.

Es war eine Zeit, in der die klassische Katharsis der griechischen Tragödie, der unauflösliche Konflikt menschlicher Dramaturgie noch unvermittelt durch den Äther ging. Durch nichts wird die Erfahrung der Vergänglichkeit schmerzhafter bewußt als durch die Stimme von Oskar Klose, die die fünf Tore von Franz Brungs beim Nürnberger 7:3-Sieg gegen Bayern München am 9. Januar 1968 in einer sich ins Unerhörte windenden Spirale skandierte. Oder das Weinen Günter Wolfbauers, der im Abstiegsjahr von 1860 München mit Tränen das Mikrophon erstickte – „früher hob ich’s olle schon am Gang erkannt, den Brunnenmeier, den Luttrop, den Rebele – und heut’, do muß i erst die Rückennummern o’schaun ...“ Da waren die Außenmikrophone und das Zuschauerraunen noch untrennbar mit der Reporterstimme verbunden, da schirmte noch kein technisches Know-how die Berichterstattung vom akustischen Ansturm draußen ab; sie war nicht keimfrei und leer, sie schwankte und zitterte, manchmal ging sie unter im Aufschrei der zahlenmäßig überlegenen Kehlen, und die Radios waren noch nicht so gebaut, daß ihre Röhren dem Höhen- und Tiefengefälle der Live-Reportage immer standgehalten hätten.

Der Niedergang der Fußballreportage ist ein klägliches Kapitel unserer Kultur. Die gelangweilten Angestelltenstimmen in den heutigen Rundfunkkabinen stabilisieren die Entwicklung vom uneigentlichen Dribbelkünstler und Flankenläufer zum Klein-Klein-Gekicke, vom Schlachtroß in der Abwehr zum funktionierenden Strafraummanager. Als die Stadien noch „Rote Erde“ und „Glückauf-Kampfbahn“ hießen, wogte auch der Kampf um die Information noch heftiger; als die Stadien noch unmißverständlich von bayrischer, hansestädtischer oder Ruhrpott-Mentalität durchdrungen waren, war dem Zuhörer auch sofort die Spielanlage der jeweiligen Mannschaft klar.

„Er geht vorbei...“

Es ist kein Wunder, daß Werder Bremen in den letzten Jahren nie Deutscher Meister wurde. Werders Reporter verdammen, zur Niederlage. Der am häufigsten verwendete heißt Walter Jasper: einer, der sich nicht als Künstler begreift, sondern als Agenturjournalist, der nicht das Fleisch und Blut des Geschehens aufspürt, sondern unbedingt aufs fahle Gerippe aus ist. Jahrelang trug Werder Bremen die Hoffnungen von Fußball-Deutschland und richtete sie immer wieder schmählich zugrunde. Das war etwa 1985 so, als Werder im strategisch entscheidenden Heimspiel gegen Leverkusen nur 1:1 spielte und Bayern München zu entschwinden begann, der Kampf um ein Tor in den Schlußminuten dramatische Züge annahm: ein Stoff für eine Meistertragödie, ein Drehbuch für einen alle Gemüts- und Stimmlagen auskostenden Vollblutakteur – der Reporter machte schon durch die Atmosphäre seiner Tongebung, durch das niederschmetternde Einerlei seiner Wortwahl deutlich, daß entgegen seiner formal vorgebrachten Versprechungen kein Tor mehr fallen würde. Welche Möglichkeiten hätten dem innegewohnt, die Angriffe Werders in den letzten fünf Minuten in ihrer Dringlichkeit transparent zu machen, die Erlösung gebannt zu umkreisen – doch es war nur ein Abhaken des bloß Faktischen.