Von Detlef Kantowsky

Im Februar 1904 wurde der 1878 in Wiesbaden geborene Walter Florus Gueth in Rangoon zum Bhikkhu ordiniert; er war der zweite Europäer überhaupt, der in den Sangha der buddhistischen Mönche eintrat. Der erste war der Schotte Allan Bennet McGregor, der 1901 den Mönchsnamen „Metteya“ erhielt. Anton Gueth erhielt den Namen Nyanatiloka, das heißt Kenner (nyana) der drei Welten (tiloka). Von Beruf Konzertgeiger, hatte er auf einer Reise nach Asien den Buddhismus erlebt. Nach seiner Ordination lernte er in ganz ungewöhnlich kurzer Zeit Sanskrit und Pali und publizierte schon 1906 eine Übersetzung von Kernaussagen des buddhistischen Kanon, die inzwischen in allen Weltsprachen, aber auch auf Sanskrit und Pali erschienen ist.

1909 kehrte Nayanatiloka nach Europa zurück, um hier ein buddhistisches Kloster zu gründen. Die Lebensbedingungen in einer Almhütte oberhalb von Lugano waren aber doch zu unwirtlich und die Neugier der Anwohner und Besucher – auch vom nahegelegenen Monte Verita in Ascona! – zu störend, so daß er 1911 mit drei Laienschülern nach Ceylon zurückkehrte und dort am 9. Juli des gleichen Jahres die „Island Hermitage“ gründete, die ihm von einem Schweizer Gönner gestiftet worden war.

Dieses Inselkloster, in einer Lagune an der Westküste Sri Lankas, etwa zwanzig Kilometer nördlich von Galle gelegen, wurde künftig – und ist auch noch heute! – ein viel besuchter Fluchtpunkt für die wachsende Zahl derer, die sich mit dem Buddhismus nicht nur intellektuell, sondern auch in eigener Lebenspraxis auseinandersetzen, das leidstiftende Denken in den Kategorien von Sein oder Nichtsein transzendieren und sich meditativ üben wollen, die Dinge zu sehen, wie sie nach buddhistischer Erkenntnistheorie wirklich sind: „In eben diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, der Welt Entstehung und der zu der Welt Ende führende Pfad.“

Der bekannteste Schüler von Nyanatiloka – er starb 1957 als ceylonesischer Staatsbürger und erhielt wegen seiner Verdienste als buddhistischer Lehrer und Gelehrter ein Staatsbegräbnis – ist der am 21. Juli 1901 in Hanau geborene Siegmund Feniger, der im Februar 1936 als Novize von Nyanatiloka aufgenommen und ein Jahr später zum Vollmönch ordiniert wurde. Er erhielt den Namen „Nyanaponika“, das heißt „zur Erkenntnis geneigt“; so auch der Titel der Festschrift, die zu seinem 85. Geburtstag erschienen ist.

Mit den darin versammelten Beiträgen über, den Gesprächen mit, frühen Texten und zeitgenössischen Briefen von sowie biblio- und biographischen Angaben zu Nyanaponika hat der in Kreuzlingen beheimatete Herausgeber Kurt Onken auf das Wirken eines buddhistischen Lehrers und Gelehrten hingewiesen, dessen inzwischen weltweite Bedeutung für eine vorurteilslose und genaue Vermittlung zentraler Inhalte des Buddhismus gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wie schrieb doch die Deutsche Morgenländische Gesellschaft in der Laudatio, als Nyanaponika Mahathera am 30. April 1978 zum Ehrenmitglied gewählt wurde:

„Seit über vierzig Jahren dem buddhistischen Orden angehörend, verbindet er in seltenem Maße Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Exaktheit mit praktischer Erfahrung. Seine Werke zur Satipatthana-Übung eröffnen dem Indologen und Religionswissenschaftler ebenso wie dem an buddhistischer Geistigkeit interessierten Lesepublikum einen zuverlässigen Zugang zum Wesen dieser für die buddhistische Spiritualität grundlegenden Meditationsübung, deren Propädeutik Nyanaponika den Umständen des heutigen Lebens mit Erfolg anzupassen versucht hat.“