Von Jürgen Baumert

Während in der Bevölkerungs- und Sozialpolitik die zukünftigen Probleme durch die langfristig drohende Bevölkerungsabnahme vorgezeichnet werden, führt in der Bildungspolitik vor allem der „kurzfristige“ dramatische Wechsel von Zu- und Abnahme der Schulbevölkerung zu komplizierten Situationen. Von 1955 bis Mitte der sechziger Jahre stieg die Zahl der jährlichen Geburten in der Bundesrepublik von etwa 800 000 auf gut eine Million an. Die Geburtsjahrgänge 1961 bis 1967 bescherten uns den sogenannten „Millionenkorridor“.

Danach stürzten die jährlichen Geburtenzahlen innerhalb von weniger als zehn Jahren von einer Million auf unter 600 000 – teils als Spätfolge des Zweiten Weltkriegs, überwiegend jedoch als Ergebnis veränderten „Fruchtbarkeitsverhaltens“. Bis etwa 1990 werden die Geburtenziffern auf diesem Niveau pendeln. Danach beginnt unter der Annahme konstanter Geburtenziffern eine neue Talfahrt.

Durch diesen schnellen Zykluswechsel ist das Bildungssystem über fast 30 Jahre hinweg zu jeweils ein und demselben Zeitpunkt mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Während etwa die Sekundarstufe I von 1975 bis 1985 „demographischen Höchstbelastungen“ ausgesetzt war, leerten sich zur selben Zeit die Grundschulen und vergrößerte sich der demographische Druck auf die Universitäten. Wenn in den nächsten Jahren auf den Schülerrückgang in der Sekundarstufe reagiert werden muß, wird gleichzeitig die Spitzenbelastung an den Hochschulen erreicht werden – und eine vorausschauende Bildungspolitik muß sich bereits auf die zu erwartende neuerliche Schrumpfung der Grundschule einstellen.

Die möglichen Folgen der demographischen Entwicklung für das Bildungssystem lassen sich nicht analysieren, ohne gleichzeitig einen zweiten, langfristigen gesellschaftlichen Wandlungsprozeß zu berücksichtigen, nämlich den kontinuierliche! Anstieg der durchschnittlichen Bildungsansprüche Demographische Entwicklung und steigende Nachfrage nach höheren Bildungsabschlüssen greifen in einer schwer steuerbaren und schwer vorhersehbaren Weise ineinander. So konnte sich etwa die Hauptschule noch lange Zeit Stabilität vorgaukeln, obwohl die Schülerabwanderung längst bedrohliche Ausmaße angenommen hatte. Dagegen bekamen die weiterführenden Schulen und Universitäten die Bildungsexpansion als Summierung von Effekten demographischer Entwicklung und veränderten Bildungsverhaltens zu spüren, ohne sich darüber immer Klarheit verschaffen zu können. Im Rückblick ist etwa die andauernde Differenz zwischen Prognosen für den Hochschulbereich und der tatsächlichen Entwicklung geradezu verblüffend.

Oft wird diese Expansion als das Ergebnis einer mißratenen Bildungsreform verstanden – mit wenig Berechtigung freilich; denn politisch geplante Maßnahmen haben damit eher wenig zu tun. Unabhängig vom jeweiligen bildungspolitischen Kurs weisen alle Bundesländer praktisch dasselbe Entwicklungsmuster auf. Die frühe Bildungswerbung hatte, ebenso wie spätere Versuche, Ubergangshürden wieder höher zu setzen, bestenfalls kurzfristige und keineswegs strukturbestimmende Wirkungen. Die Feststellung ist wohl nicht übertrieben, daß wir Zeugen einer allmählichen Neudefinition bürgerlicher Grundbildung auf dem Mindestniveau des mittleren Schulabschlusses sind.

Ursache für diesen Orientierungswandel sind nun im wesentlichen jene Umstände, die auch für den Geburtenrückgang verantwortlich sind, nämlich: