Die schönste Palette Frankreichs – Romantik und Revolution

Von Gottfried Sello

Delacroix war leidenschaftlich in die Leidenschaft verliebt und kalt entschlossen, die Mittel ausfindig zu machen, die es ihm erlaubten, der Leidenschaft den höchsten Grad des sichtbaren Ausdrucks zu verleihen", schreibt Baudelaire, der ihn wahrscheinlich am besten von allen Zeitgenossen verstanden hat. Sie waren befreundet; Baudelaire, gut zwanzig Jahre jünger als der Maler, hat Delacroix grenzenlos bewundert, hat die düstere Glut seiner Farben gepriesen. Sein Werk sei ein Hymnus "auf das unvermeidliche Verhängnis und den unheilbaren Schmerz".

Aber, bei allem schwärmerischen Enthusiasmus, Baudelaire hat den Maler der Leidenschaft scharfsichtig analysiert. Kein Wort, daß Delacroix von Leidenschaften besessen, daß er ihnen ausgeliefert war, daß sie ihn zur Arbeit inspiriert hätten. Sondern einzig darum geht es, der Leidenschaft zum höchsten Grad ihres Ausdrucks zu verhelfen, einer Leidenschaft, die nicht die eigene war, die ihm das Leben vorenthalten hatte, die er sich anderswo suchen mußte, in der Literatur, bei Shakespeare, bei Byron, im "Faust" (den er zu Goethes Zufriedenheit illustriert hat). Eine Leidenschaft aus zweiter Hand, ausgeliehen bei der Dichtung, bei der Malerei der alten Meister. Bei Rubens, seinem lebenslangen Idol, der das große Leben geführt hat, das ihm nicht gegönnt war. Seiner Malerei fehlt der Bekenntnischarakter, sie ist nicht autobiographisch, ist ein Affront gegen die These der Einheit von Leben und Werk, sie ist der grandiose Versuch, das emotionale Defizit auszugleichen, unter dem er zeitlebens (darüber läßt sein Journal keinen Zweifel) gelitten hat.

Darin sind sie sich einig, Baudelaire und Delacroix, darauf basiert ihre Freundschaft: im Abscheu vor der unerträglichen Banalität des Daseins, vor der tödlichen Langeweile. Baudelaires "Hymne an die Schönheit" beschreibt ziemlich genau, was sie verbindet: "Ob Satan oder Gott, ob Engel, ob Sirene –/ was tut’s, wenn du, o Fee, durch deiner Augen Pracht,/ durch Rhythmus, Duft und Glanz, o Königin, o Schöne,/ die grauenvolle Welt erträglicher gemacht" (in der Übersetzung von Kay Borowsky).

Der Jammer des täglichen Lebens

Ähnlich, nur in Prosa, äußert sich Delacroix. Die Kunst sei ein Schleier, der sich "über die schreckliche Leere in der Seele des Menschen" legt, und "selbst die Arbeit ist nur eine vorübergehende Betäubung, nur eine Zerstreuung, um den Abgrund des Elends vor dem Jammer des täglichen Lebens nicht zu sehen".