Von Bernhard Wördehoff

Hennstedt/Dithmarschen

Vor der Windmühle von Hannes Pahl, die, neben seinem Butterkuchen, eine Attraktion der Insel Nordstrand ist, kann man in diesen Wochen schon mal, wie an anderen gut besuchten Plätzen Schleswig-Holsteins, ein kakelbunt beschriftetes Wohnmobil bestaunen. Garniert mit den Landesfarben, verspricht eine UWSH "neue Realpolitik" und fordert "Politik von unten nach oben".

Der Wahlkampf rollt an: In drei Monaten, am 13. September, wählt sich der Norden einen neuen Landtag. Neben den im Kieler Parlament vertretenen CDU und SPD sowie einem Abgeordneten des Südschleswigschen Wählerverbandes (die Partei der dänischen Minderheit ist von der Fünf-Prozent-Sperre ausgenommen) wollen wieder mal die FDP und zum erstenmal die Grünen dabeisein. Und außerdem die UWSH, die Unabhängige Wählergemeinschaft Schleswig-Holsteins. Ihr Vorsitzender fährt schon seit Wochen mit dem werbenden Wohnmobil durchs Land und verschafft damit älteren Zeitgenossen Erinnerungen an frühe Jahre der Bundesrepublik, als Wahlkämpfe noch nicht von feschen Agenturen gestylt, sondern in Heimarbeit gemacht wurden.

Bei den etablierten Politikprofis, zumal jenen in der Kieler Staatskanzlei, ruft der Anblick solcher und anderer Lebensäußerungen der neuen Partei inzwischen eher Bauchgrimmen als gönnerhaftes Lächeln hervor. Der Eintritt der Unabhängigen in den Wahlkampf macht für die Zukunft der Landespolitik aus einer schwer kalkulierbaren Situation eine schier unberechenbare. Denn selbst wenn die UWSH die fünf Prozent nicht erreicht, kann sie die CDU die Mehrheit kosten und FDP und Grünen den Einzug ins Landeshaus verhageln.

Aber es ist noch keineswegs sicher, daß die UWSH die erforderlichen 80 000 Stimmen nicht erhält. Zum einen ist die Unzufriedenheit mit der Politik allgemein und mit der des Ministerpräsidenten Barschel im besonderen weit verbreitet. Zum anderen ist der Vorsitzende der UWSH, Professor Dr. Reinhardt Guldager, jemand, der den Erfolg des Außenseiters trainiert hat.

Verdruß über die jahrzehntelange CDU-Regierung in seinem Heimatdorf Hennstedt (Dithmarschen) ließ ihn zur Kommunalwahl 1982 eine Wählergemeinschaft Hennstedt (UWH) gründen. Sie erhielt die meisten Stimmen. Unversehens sah sich der Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Entwicklungsplanung und Siedlungswesen an der Technischen Universität Braunschweig von UWH, SPD und FDP zum Bürgermeister gewählt. Vier Jahre später erhielt seine Wählergemeinschaft gar 48,3 Prozent – Lohn wohl auch für einen Dorfentwicklungsplan, der sowohl alle Fachplanungen umfaßt als auch die Landschaftspflege einschließlich Biotopgestaltungen integriert und alles in die Flurbereinigung einbindet.