Von Ulrich Stock

Die Menschen wohnen auf verstreuten Höfen. Ihr Überleben hängt ab von den Naturgewalten und von der Güte der Ingenieurskunst – doch dies nicht etwa erst, seit ein Atomkraftwerk in Brokdorf steht.

Denn das Land ist nicht nur flach, es ist auch tief. Unterhalb des Meeresspiegels liegt es, und wären die Deiche nicht und würden nicht hundert Pumpen – früher windgetrieben, heute elektrisch – Tag und Nacht das Wasser absaugen, die Wilstermarsch würde in der nächsten Flut ersaufen.

Die Bevölkerung tröstet sich mit der Schönheit der Gegend und ihrer Übersichtlichkeit. Schon morgens ist zu sehen, wer mittags zu Besuch kommt, sagt man. Oft kommt kein Besuch.

Das könnte sich bald ändern. Journalisten nämlich sind gekommen und haben ganz hinten in der Marsch, in Hinter-Neuendorf, den tiefsten Punkt Deutschlands für sich entdeckt: drei Meter vierzig unter Normalnull.

Die Einheimischen leben seit Generationen im Bewußtsein dieser Besonderheit. Nie haben sie viel Aufhebens davon gemacht. Journalisten aber denken anders.

Eine genaue Wegbeschreibung ist nötig, um die tiefste Stelle zu finden. Man fährt von Wilster, mit 4540 Einwohnern Zentrum der Marsch, in Richtung Burg. Dieses Städtchen liegt jenseits des Nord-Ostsee-Kanals; wer dort auf die Fähre wartet, ist schon zu weit gefahren. Die Landstraße führt durch eine enge, mit Häusern umstandene Kurve – Neuendorf. Hinter dem Abzweig nach Vaale zur Rechten ist es dann, gleich links, auf der Wiese.