Von Klaus Ott

Lokal-TV ein Erfolg“, meldete eines Donnerstags im Mai Springers Bild auf Seite eins. Die Redaktionsmitglieder der privaten Münchner Fernsehstation tv weiß-blau brachen ob dieser völlig unsinnigen Nachricht in bitteres Hohngelächter aus. Hatten sie doch gerade zwei Tage zuvor erfahren, daß ihre Arbeitsplätze wegen des anhaltenden Defizits beim Lokal-TV in der Landeshauptstadt wieder einmal in Gefahr waren. War da „Leo’s langer Arm“, so lautete schon in den siebziger Jahren eine Schlagzeile, wieder einmal am Werk gewesen?

Der Münchner Filmhändler Leo Kirch, er gilt als Geldgeber von tv weiß-blau, ist gleichzeitig einer der größten Springer-Aktionäre. Offiziell hält er über seine Firmen zwar nur zehn Prozent, doch sein Arm ist in den vergangenen Monaten immer länger geworden. „Es sind jetzt bereits 26,1 Prozent“, meldete vor wenigen Tagen das Branchenmagazin neue medien und listete 28 Treuhänder auf, deren Hilfe sich Kirch bedient haben soll.

Die Medienmacht von Europas größtem Filmhändler scheint unaufhaltsam zu wachsen. Bis vor wenigen Jahren trat Kirch, Sohn eines fränkischen Weinbauern, hauptsächlich als Serien- und Spielfilm-Lieferant von ARD und ZDF in Erscheinung, bevor sein Engagement beim entstehenden Privatfernsehen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte. Bei SAT-1, Veranstalter eines der privaten Fernseh-Vollprogramme in der Bundesrepublik, mischt Kirch – wenn auch verdeckt – an vorderster Stelle mit. Über den Springer-Konzern hat der Filmunternehmer nun auch den Einstieg in den Pressemarkt geschafft. Weil Springer wiederum auch beim privaten Hörfunk präsent ist, wird die Mediensammlung von Kirch mittlerweile komplett.

Begonnen hat seine Karriere in den fünfziger Jahren mit dem Aufkauf von Frederico Fellinis Film „La Strada“, der nach einigen Jahren zu einem Kassenschlager wurde. Mit den daraus resultierenden Millionen machte sich der Jungunternehmer an den Aufbau seiner Firmengruppe. Als einer der ersten erkannte Kirch den künftigen Bedarf der Fernsehanstalten an Filmen und Serien. Er kaufte vor allem im Ausland Ausstrahlungsrechte in großem Umfang ein und erwarb daneben auch ganze Konkursmassen von pleite gegangenen Produzenten. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Als der Bayerische Rundfunk im September 1974 als erster ARD-Sender mit der regelmäßigen Ausstrahlung eines Dritten Fernsehprogramms, begann, hatte er sich schon zuvor bei Kirchs Beta Film mit einem Filmpaket eingedeckt.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit gelang Kirch der Aufstieg zu Europas größtem Filmhändler, bis sich 1976 schließlich sogar der ZDF-Fernsehrat mit dem Umfang der Geschäftsbeziehungen der Mainzer Anstalt mit dem Münchner Lieferanten beschäftigte. Der Mediendienst Fernseh-Informationen errechnete einen Anteil der Kirch-Gruppe am Spielfilmangebot des ZDF von durchschnittlich 47,5 Prozent in den Jahren 1973 bis 1975 und sprach von einem „bedenklich hohem Anteil“ Kirchs an den Serien im Kinder- und Jugendprogramm. Der damalige ZDF-Programmdirektor und heutige Intendant Dieter Stolte erklärte, künftig sollten nicht mehr als vierzig Prozent der Spielfilme vom Münchner Filmzaren stammen.

Anschließend wurde es wieder still um Kirch. Er nutzte die Zeit, seinen Einflußbereich in der Medienbranche beständig zu erweitern. Dutzende von Firmen werden ihm angedichtet, obwohl seine Firmengruppe nur aus wenigen offiziellen Säulen besteht: Taurus-Film (Verkauf von Ausstrahlungsrechten im deutschsprachigen Raum), Beta Film (Verkauf in alle Welt), Beta-Technik (technische Abwicklung), Unitel (Musikfilmproduktion), Taurus Film-Video (Videovertrieb), Iduna (Filmproduktion) und Merchandising (Verkauf von Nebenrechten); dazu noch die offizielle Beteiligung an der Münchner Produktionsfirma CBM (Klimbim, Pyramide, Muppets-Show). Doch es ist mehr als offensichtlich, daß „Leo’s langer Arm“ wesentlich weiter reicht.