Was wir erhofften, und was zu tun bleibt – mit dem Generalsekretär des „Aktionskomitees für Europa“ sprachen Christoph Bertram und Theo Sommer

Von Gemeinschaft ist zwischen den Westeuropäern nicht mehr viel zu spüren. Immer kräftiger wuchern die Einzelinteressen. Resignation macht sich breit. Aber sie ist nicht angebracht – das Erreichte kann sich sehen lassen. So plädiert Max Kohnstamm, einflußreicher Vermittler hinter den Kulissen und einst enger Mitarbeiter von Jean Monnet, dem Architekten Europas.

ZEIT: Herr Kohnstamm, Sie haben im Zweiten Weltkrieg in deutscher Haft gesessen. Sie haben sich unmittelbar nach dem Kriege daran gemacht, die Wunden in Europa wieder zu heilen. Was waren die Beweggründe, was waren die Hoffnungen, die Sie damals hatten?

Max Kohnstamm: Die Beweggründe waren natürlich einmal, daß wir alle den Krieg verloren hatten – die einen am Anfang, die anderen am Ende. Und wir hatten alle den völligen Zusammenbruch unserer Staaten und unserer Hoffnungen erlebt. Und außerdem war es in den dreißiger Jahren immer deutlicher geworden, daß dieses Europa der Staaten eine unhaltbare Sache war, daß nun wirklich ein Strukturwandel notwendig war.

ZEIT: War das nicht erstaunlich? Denn verloren hatten Staaten, und gesiegt hatten auch Staaten. Was Sie damals versuchten, war, die Staaten in ihrer alten Bedeutung zu überwinden.

Kohnstamm: Ja, aber es war ein Versuch mit Staaten, die alle zutiefst erschüttert waren.

ZEIT: Wie konnten Sie und Ihre Freunde mit den noch frischen Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges sagen, wir müssen nicht nur mit den Siegern, sondern auch mit dem besiegten Deutschland ein gemeinsames Europa bauen?