Von Dietrich Strothmann

Alle reden vom Frieden, doch keiner bringt ihn zuwege. Die Israelis, angeführt von den Kontrahenten Jitzak Schamir und Schimon Peres – dem Regierungschef und seinem Außenminister – sind in Friedenssachen miteinander total überkreuz. Jordanien, auf der Gegenseite, scheut den Alleingang gegen den anhaltenden Widerstand der Syrer und Palästinenser. Und die Großmächte, als Wegbereiter einer Friedenskonferenz und Garanten einer Friedenslösung? Washington unterstützt den Plan nur halbherzig, weil es die Sowjets, wie im Golf, aus der Region heraushalten will. Moskau sperrt sich noch, weil es die Vorbedingungen (diplomatische Beziehungen mit Jerusalem, offene Schleusen für die Auswanderung sowjetischer Juden) nicht akzeptieren mag.

So geht das nun schon zwei Jahre. Zum Krieg kommt es im Nahen Osten in der Regel im Handumdrehen, Frieden dagegen braucht gehörig Zeit. Die Voraussetzungen für einen Kompromiß zwischen Jordanien und Israel, um den es gegenwärtig geht, sind freilich auch denkbar schlecht, entgegen manchen euphorischen Erwartungen.

Zwar unternimmt König Hussein alle Anstrengungen, einer internationalen Friedenskonferenz den Weg zu ebnen: So pflichtete er israelischen Forderungen bei, eine solche Konferenz der Sicherheitsratsmitglieder und der unmittelbar betroffenen Nahost-Staaten solle lediglich den "Schirm" für bilaterale Verhandlungen bilden und kein Vetorecht besitzen. Resultat der Vereinbarungen solle auch kein palästinensischer Staat auf dem Westjordanufer sein, sondern eine jordanisch-palästinensische Konföderation. Bislang aber hat der Monarch seine kühle, kühne Rechnung ohne den Wirt Syrien, den anderen Partner israelisch-arabischer Friedensgespräche, gemacht und ohne die Palästinensische Befreiungsorganisation. Gelegentliche Treffen mit Präsident Hafis el Assad brachten keine Wende, eine Übereinkunft mit Jassir Arafat blieb auf der Strecke. Was aber wäre, zum Beispiel, wenn Hussein den Sprung über den Jordan allein wagte, wie ehedem der Ägypter Sadat? Er könnte gleich in Jerusalem bleiben, im Exil. Assad in der Arabischen Liga und Arafats Palästinenser in Jordanien ließen ihm sonst keine Ruhe mehr und in Amman wäre er gewiß des Todes.

Auf der anderen Seite läßt Außenminister Schimon Peres, Chef zugleich der mitregierenden Arbeitspartei, keine Gelegenheit aus, um für die Idee einer internationalen Konferenz, die er zu seinem politischen Ziel erklärt hat, zu werben. Erst vorletzte Woche in den westeuropäischen Hauptstädten, diese Woche mit dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Genf, strengt er sich an, Pluspunkte zu sammeln. Doch außer schönen Worten ringen ihm solche Werbereisen wenig ein. Was soll ihm auch die Zustimmung des Bundeskanzlers Kohl, selbst die Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft nützen, die doch keine Rolle spielen, wenn es um die harte Sache selber geht: Wieviel besetztes Gebiet gibt Israel für welchen Frieden auf?, wenn es vor allem um den Krach im eigenen Hause geht. Noch bestimmt, bis zu den Wahlen nächstes Jahr, Premierminister Jitzak Schamir vom Likud-Block die Richtlinien israelischer Politik; jedenfalls kann er, wie schon geschehen, alle Pläne seines Konkurrenten Peres zunichte machen. Zweimal stand das Hussein-Peres-Konzept für eine Konferenz im "inneren Kabinett" zur Abstimmung. Beide Male wollte es der selbstsichere Außenminister darauf ankommen lassen und den Bruch der Koalition riskieren; beide Male machte er – nach Niederlagen im Kollegenkreis – einen Rückzieher, weil ihm drei Stimmen zur notwendigen Mehrheit für eine Auflösung des Jerusalemer Parlaments und damit für vorgesehene Neuwahlen fehlten.

Was aber wäre, zum Beispiel, wenn sich doch eine der kleinen religiösen Parteien in der Knesset mit Geld und dem Versprechen noch strengerer Sabbat-Gesetze ködern ließe und vom Likud in das Lager von Peres überschwenkte? Über die dann in einer israelisch-jordanischen Friedensrunde unweigerlich auftauchende Streitfrage nach der Existenz der rund 120 jüdischen Siedlungen im okkupierten Westjordanland käme es in Israel womöglich zum Bürgerkrieg. Schimon Peres müßte seinen Abschied von der Politik nehmen. Weit wäre er dann nicht bei seinem Versuch gekommen, Israel zu einem zweiten Friedensvertrag nach Camp David zu verhelfen.

Abu Nidal, der gefährlichste palästinensische Terrorist, hätte überdies die Bombe in der Hand, um mit einem spektakulären Anschlag in Israel oder Jordanien die Konferenz platzen zu lassen. Die Amerikaner hätten Wichtigeres zu tun – nämlich einen neuen Präsidenten zu wählen. Und die Sowjets hätten Besseres zu tun – nämlich doch per Einspruch von den Israelis dies zu verlangen und den Jordaniern jenes zu untersagen. Noch mehr Fallstricke und Stolpersteine gefällig, mit denen der Weg zu einer Internationalen Nahostkonferenz geradezu übersät ist?